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Er erkundet alles, was ihn bewegt

Donnerstag, 8. Juni 2017

Am Landesmuseum in Zürich ist der Steiner Felix Graf Kurator für Druckgrafik. Ende Monat geht er vorzeitig in Pension und schenkt sich und anderen zum Abschied das Buch «Schnur und Zeichen».

Schaffhauser Nachrichten
Edith Fritschi

«Museen sind keine Abstellräume, sondern Ausgangspunkte», notiert Felix Graf am 20. Februar 2017 in seinem Büchlein. Ein kurzer Satz, der in seiner Knappheit sehr viel aussagt über den Autor, der seit 27 Jahren Funktionen und mit grosser Begeisterung. Das gilt auch für alles andere, was er tut, zum Beispiel die Renovation und den Umbau des «Weissen Adlers» in Stein am Rhein. Als Zunftmeister der Zunft zum Kleeblatt hat er das ambitiöse und rund 1, 7 Millionen Franken teure Projekt mitinitiiert, geplant und von Anfang an begleitet. «Wir wollen das Haus öffnen», sagt er. Damit auch andere etwas davon haben.
Der «Weisse Adler» kommt auch in Felix Grafs Büchlein «Schnur und Zeichen» vor, ebenso das Haus daneben, der «Adler». Graf schreibt und reflektiert über die Wandgemälde von Alois Carigiet an der Fassade, macht sich Gedanken, wie er sie in die Schau im Landesmuseum integrieren kann. Und es gelingt ihm wie vieles andere auch. Da werden Fäden zwischen Stein am Rhein und Zürich und dem Bündnerland geknüpft, und letztlich kommt alles irgendwie zusammen.
Ausgangspunkt für diese spezielle Art des Tagebuchs, für das die brasilianische Form der «Crónica» Pate gestanden hat, ist Grafs kuratorische Tätigkeit. Sie taucht immer wieder auf in «Schnur und Zeichen», wo er sich aufmacht, alles zu erkunden, was ihn bewegt. Das ist die Gegend um Stein am Rhein und den Untersee, es sind die Grenzen Europas, Portugal und Griechenland, wo er über die Philosophie der Antike ebenso nachdenkt wie über die Gegenwart. «Das ist das Schöne an der «Crónica», schwärmt er. «Da hat einfach alles Platz»: Tagebuchnotizen, Literarisches, kunsthistorische Streiflichter, Reflexionen über das Sein, die Philosophie – kurz: alles verbindet sich mit allem. Erhabenes steht neben Banalem, macht Sinn, verbindet und befruchtet sich gegenseitig.

Gesucht und gefunden
Geschrieben hat er schon immer gerne, und seit gut 30 Jahren Tagebuch: Am Anfang waren es reine Tätigkeit im Landesmuseum. Irgendwann sind die Notate immer mehr zur literarischen Form geworden; dann, als er sich die portugiesische Sprache aneignete und seine Sprachlehrerin ihn mit dem Genre der «Crónica» vertraut machte. «Es war, als hätte ich genau nach so etwas gesucht und es damit gefunden», sagt er.
So entstand, beinah wie von selbst, 2012 sein erstes Büchlein «Land der Dinge», 2014 folgte «Fluss und Zeit» und nun «Schnur und Zeichen». Über sechs Jahre hat er diese speziellen Tagebücher geschrieben. «Damit hat sich für mich die Form des Tagebuchs erschöpft.» Denn das Buch, das am Sonntag in Stein am Rhein vorgestellt wird – an seinem Geburtstag notabene –, ist sowohl für ihn als auch für Freunde und Bekannte eine Art Abschiedsgeschenk. Felix Graf geht in Pension und will sich künftig auf andere literarische Formen, auf die Forschung und auf das Zunftprojekt «Weisser Adler» konzentrieren.

Ausgefeilte Formulierungen
«Schnur und Zeichen» ist auch eine Art Begleitbuch zu einer imaginären Ausstellung», meint er. «Die Dauerausstellung im Musée sentimental meiner selbst.» Das sei ihm jetzt gerade in den Sinn gekommen, freut sich Graf, genauso wie er sich übers Formulieren der Gedanken im Büchlein freut, über die umtreiben und die er in einer schönen, poetisch klaren Sprache und mit ausgefeilten Formulierungen darlegt, stets treffend, aber nie hochtrabend. Dafür manchmal mit Humor, wenn er über die wohlgeformte Töpferin Louise Rudolf schreibt, die einst Mannequin bei «Seiden-Grieder» war und gern fotografierte, und wo er, der faszinierte Bub, auf dem Weg zum Volg gern vorbeiging. Der stinkende Hai Man erfährt Geschichten vom stinkenden Hai beim alten Stemmler in Schaffhausen oder vom letzten Burggraf, dem leutseligen Gastwirt Jakob Graf, der Behörden und kirchliche Kreise auf die Schippe nahm und den Abschied seines Esels verkündete. «Ja», sagt der Autor, «es ist auch ein Büchlein für die Steiner, die sich an die alten Geschichten erinnern wollen.» Man begegnet Originalen aus der Gegend, und längst Vergessenes wird wieder zugänglich.

Immer tiefer in die Bilder hinein
Im Lauf der Zeit sind Felix Graf die Bilder, Bildbetrachtungen, überhaupt die Kunstgeschichte wichtiger geworden. «Da bin ich immer tiefer hineingekommen», sagt er, der Wanderer, der gern geografische Gegenden und geistige Gebiete erkundet. Neben der familiären und persönlichen Spurensuche lässt er sich durch Landschaften treiben oder über den See mit seinem Kajak, er reist nach Athen und erwandert Portugal, und unweigerlich sind sie da, im Zug, im Hotelsessel oder im Schopf. «Zuerst im Kopf, ich notiere die Sachen erst später», sagt er. Dann seien sie wie ausgereift. Dabei ist da und dort eine Art Aphorismen entstanden: «Die schönsten Früchte aus dem Garten der Menschheit sind zweifellos die Wörter», schreibt er etwa am 31. Dezember 2016. «Bei den Wörtern handelt es sich um Hülsenfrüchte. Klar. Sie brauchen einen gewissen Schutz. Nur: Hors-sol-Anbau und digitale Düngung lassen die nichtssagenden Hülsen immer dicker und die inhaltlichen Kerne immer dünner werden.» Wie wahr …



Felix Graf - Vernissage und Lesung im Literaturboot

Felix Graf, geboren 1955 in Stein am Rhein, ist Gräzist und Althistoriker. Er arbeitet seit 27 Jahren im Schweizerischen Nationalmuseum: Unter anderem als wissenschaftlicher Bibliothekar, Ausstellungskurator, Leiter des Museums Bärengasse , interimistischer operativer Leiter des Landesmuseums Zürich und Kurator für Druckgrafik. Zudem publiziert er Zeitungs- und Fachartikel.
Mit «Schnur und Zeichen» liegt sein drittes literarisches Tagebuch vor. Zuvor erschienen «Land der Dinge» und «Fluss und Zeit».
«Schnur und Zeichen» ist in der «edition vogelfrei» in einer Auflage von 700 Exemplaren erschienen. Felix Graf wohnt mit seiner Frau Ingrid Kunz Graf seit Anfang Jahr wieder in Stein am Rhein, wo er aufgewachsen ist. Davor lebte er in Schaffhausen.
Am Sonntag, 11. Juni, um 11.15 Uhr findet im Windler-Saal Stein am Rhein die Buchpremiere mit Lesung von «Schnur und Zeichen» statt. Am 18. Juni liest Graf im 11-Uhr-Literaturboot Neuhausen, Treffpunkt ist beim Schlössli Wörth. (efr.)



«Schnur und Zeichen» Erinnerungen, Fotos und Notate zu Ausstellungen

Sein neues Tagebuch «Schnur und Zeichen», das der Steiner Felix Graf vorlegt, erinnert mit seiner Aufmachung und der französischen Broschur ein wenig an einen Ausstellungskatalog oder einen Wanderführer. Beides ist so intendiert. Auch die sorgfältig ausgearbeiteten Anhänge und Legenden sind ganz bewusst so gemacht. Anders als in seinen früheren Büchern sind auch die Illustrationen und die alten Fotos ein wesentlicher Bestandteil des Büchleins, das so als ein kleines Gesamtkunstwerk daherkommt. Schliesslich enthält es neben persönlichen Reminiszenzen und Erinnerungen zahlreiche grundlegende Überlegungen zu Ausstellungen und Exponaten, die Graf in den letzten Jahren beschäftigt haben. Dabei stellt er auch meist einen Bezug zu seiner Heimat Stein am Rhein her. «Schnur und Zeichen» enthält Notate aus dem Zeitraum zwischen August 2014 und Februar 2017 an den Schauplätzen Schaffhausen, Stein, Höri, dem Rio Lima in Nordportugal und Athen. Der Titel «Schnur und Zeichen» ist ein Zitat aus dem Gedicht «Herrentisch» von Erwin Jaeckle. Dem Herrentisch widmet Graf einen anderthalbseitigen Eintrag in seinem Buch. Er beschreibt eine Winterwanderung von Stein aus über die Ergeten und Oberwald zum Herrentisch auf der alten Route – und mit Jaeckles Gedicht im Ohr. Der Herrentisch liegt an der Grenze hoch über dem Hegau: «Hier wird für Herren getischt / unter Eichen / wechselt der Fuchs verwischt / Schnur und Zeichen» heisst es. Von jenem Punkt aus, meint Graf, meine man, in die Weite einer anderen Welt zu blicken. (efr.)



Autor: Schaffhauser Nachrichten

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