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28. August 2011 | Züri-Hell-Bier: Herkunft dunkel

Saldo, 28. August 2011
Thomas Lattmann

Das Bier für Zürich», bewirbt der Verein Züri-Hell sein Bier. Die Etikette auf der Flasche zeigt das nächtlich erleuchtete Grossmünster und das Reiterdenkmal von Hans Waldmann. Züri-Hell gibt sich als Stadtzürcher Bier aus. Abgesehen vom Namen auf der Etikette hat es mit der grössten Schweizer Stadt aber nichts gemeinsam: Denn Züri-Hell wird von der Brauerei Sonnenbräu in Rebstein SG hergestellt. Gemäss Claudia Graf, Geschäftsleitungsmitglied von Sonnenbräu, ist Züri-Hell praktisch identisch mit dem hauseigenen Maisbier.

**Heineken und Carlsberg geben in der Schweiz den Ton an**
Nach der Übernahme und Schliessung zahlreicher Brauereien dominieren in der Schweiz zwei internationale Bierkonzerne: Heineken aus Holland und Carlsberg aus Dänemark. Die beiden Riesen beherrschen rund zwei Drittel des Schweizer Biermarkts. Als Gegenbewegung zu den Einheitsbieren der beiden marktführenden Unternehmen sind in den letzten Jahren zahlreiche Kleinbrauereien entstanden. Die Kleinen wollen sich mit Kundenemotionen, Brautradition, Spezialitäten und Lokalkolorit gegen die Grossen behaupten. Mit ihrer angeblichen Einzigartigkeit rechtfertigen sie den meist höheren Preis für ihre Biere.
Auch Coop hat den Trend zu lokalen Bieren erkannt. Je nach Verkaufsregion befinden sich unterschiedliche Biere im Angebot des Grossverteilers. Über 115 lokale und regionale Biere umfasst das Sortiment.

**Einige Kleinbrauereien gibt es in Wirklichkeit gar nicht**
Züri-Hell ist kein Einzelfall: So lokal verwurzelt und einzigartig sind die Biere vieler Kleinbrauereien nicht – wenngleich der Name und die Werbung etwas anderes verheissen. Einige Brauereien existieren sogar nur auf dem Papier. Deren Biere werden auswärts gebraut. Hier drei Beispiele:

*Brauerei Aare in Bargen BE:*
Sie bedient verschiedene Regionen mit «lokalem» Bier. Die 2006 im Berner Seeland eröffnete Brauerei produziert Lozärner Bier, Churer Stadtbier sowie Goldküstenbräu und Oberländerbräu (Zürcher Oberland). Geschäftsführer Cesare Gallina sagt, dass alle Biere nach den Rezepturen der Auftraggeber produziert würden. Philippe Corbat, einer der besten Bierkenner des Landes und regelmässiges Jury-Mitglied beim Wettbewerb Schweizer Bier des Jahres, bezweifelt dies. Beim Blindtest konnte er keinerlei Unterschiede feststellen zwischen dem Kellerfrisch der Aare-Bier-Brauerei und den Fremdmarken Lozärner Bier und Goldküstenbräu. Gallina habe diesen Sachverhalt ihm gegenüber bestätigt, sagt Corbat.

*Brauerei Locher in Appenzell:*
Diese Brauerei liefert ein weiteres Beispiel von Fremdbrauen. Die Marke Em Basler sy Bier stammt nicht etwa aus einem Sudtopf von den Ufern des Rheins, sondern von der Brauerei Locher. Auf der Etikette ist das aber nirgends deklariert. Die Basler Herkunft wirkt konstruiert: Braugerste und Hopfen sollen von Feldern des Stadtkantons kommen und das Wasser aus «einer der 16 benannten Rheinquellen». Gemeint ist da­mit das Appenzeller Wasser, das letztendlich in den Rhein fliesst. Locher braut im katholischen Appenzell auch die Calvinus-Biere. Mit dem Bild des Reformators Jean Calvin wird bei diesen Bieren die Genfer Identität betont. Von den Frères Papinot in Genf, die auf den Flaschenetiketten angegeben sind, stammen aber lediglich die Rezepturen.

*Brauerei Baar ZG:*
Diese Brauerei stellt seit ein paar Jahren das Amboss-Bier aus dem Zürcher Kreis 5 her. Als «Lieblingsbier unserer Lieblingsstadt» preist sich dieser Gerstensaft an. Auf der Etikette steht lediglich: «Ein Produkt der Amboss Zürich AG. In Kooperation mit der Brauerei Baar». Ob der Biertrinker daraus schliesst, dass Amboss aus dem Kanton Zug kommt, ist fraglich.

Bierspezialist Philippe Corbat kritisiert, dass viele Kleinbrauereien ihr Bier von anderen herstellen lassen und sich auf den Marketing-Aspekt und allenfalls den Vertrieb beschränken. Wird das nicht oder nur ungenügend offengelegt, grenze das für ihn an Betrug.
Deutlicher wird Adrien Weber, Geschäftsführer der Zürcher Turbinenbräu: «Wenn man die Leute über die Herkunft des Bieres anlügt, ist das Etikettenschwindel. Das schadet dem Produkt Bier.» In den vergangenen Jahren habe in der Schweiz nicht die Biervielfalt, sondern die Etikettenvielfalt zugenommen.

**Zuerst kommt das Marketing, dann das Brauen**
Hansjörg Schatt von Züri-Hell weist den Vorwurf des Etikettenschwindels entschieden zurück. Das Brauen sei sehr kapitalintensiv. Deshalb behelfe man sich anfänglich mit einer Fremdabfüllung und kümmere sich zuerst um das Marketing. Seine Vision sei eine Braustätte in Zürich. Coop weiss, dass manche Anbieter von lokalen und regionalen Bieren nicht selber produzieren. Das sei kein Etikettenschwindel. «Wenn wir Produkte ins Sortiment nehmen, geschieht dies, weil der Kunde danach fragt und das Konzept, welches hinter dem Bier steht, als Ganzes überzeugt.»

**Gemälzte Gerste kommt immer aus dem Ausland**
Kein Bier in der Schweiz ist 100 Prozent lokal, weil in der Schweiz keine Mälzerei zur Verarbeitung der Gerste existiert. Aber es gibt Kleinbrauereien, die dem Ideal nahe kommen. Dazu gehören etwa die Brauerei Luzern, Euelbräu in Winterthur oder Turbinenbräu in Zürich. Diese Betriebe führen vom Brauprozess über die Abfüllung bis hin zum Vertrieb und der Vermarktung des Biers alles selber durch. «Für uns ist das selbstverständlich», sagt Adrien Weber von Turbinenbräu.

**Brauereien und ihre Fremdbiere**

*Aare Bier, Bargen BE, braut:*
* Biere von Braukultur Uster ZH, nämlich Goldküstenbräu, Oberländerbräu, Usterbräu
* Lozärner Bier, Luzern
* Churer Stadtbier, Chur GR

*Baar, Baar ZG, braut:*
* Amboss Bier, Zürich

*Falken, Schaffhausen, braut:*
* Striker, Meilen ZH

*Locher, Appenzell AI, braut:*
* Hopfehäxli, Wolfwil SO
* Calvinus, Genf
* Em Basler sy Bier, Basel
* Stammheimer Hopfenperle, Stammheim ZH

*Rosengarten, Einsiedeln SZ, braut:*
* Gottardo, Faido TI
* Pfauenbier, Rapperswil SG
* Entlebucher Bier, Entlebuch LU (Aushilfe bei Kapazitätsengpässen)
* Stadtguet, Winterthur ZH (Flaschenabfüllung und Aushilfe bei Kapazitätsengpässen)

*Sonnenbräu, Rebstein SG, braut:*
* Züri-Hell, Zürich
* Thurbobräu, Wil SG
* lllauer Punt, Illnau ZH



Etikettenschwindel: Em Basler sy Bier, Calvinus, Lozärner Bier, Züri-Hell

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25. August 2011 | «Im Stammertal gehört der Hopfen dazu»

Schaffhauser Nachrichten, Weinland
Oskar Keller

*Herr Ulrich, wie wird die Hopfenernte 2011 ausfallen, die heuer wohl zwei Wochen früher beginnt? 2010 haben Sie noch 6000 Kilogramm geerntet …*
Stefan Ulrich: Die Ernte wird nicht zwei Wochen früher beginnen, sondern am 29. August, denn die Abreife ist durch die Tageslänge gesteuert, das heisst, der Erntezeitpunkt variiert nur wenige Tage. Die Erntemenge ist sehr schwer einzuschätzen, und ich wage keine Prognose. Da sind schon viele «Gelehrte» reingefallen, allerdings sieht der Hopfen zum jetzigen Zeitpunkt sehr schön und vielversprechend aus. Vor fünf Jahren hatten indes wir einen verregneten, kalten August. Damals waren alle sehr enttäuscht.

*Der Hopfenanbau in der Schweiz ist am Verschwinden (Gesamtfläche: 17 Hektaren). Er macht etwa 15 Prozent des Bedarfs aus. Im süddeutschen Tettnang beträgt die Anbaufläche heuer 1221 Hektaren! Bauen Sie im Stammertal in Zukunft noch mehr Hopfen an?*
Wir würden gerne mehr Hopfen anbauen, denn die vorhandenen Anlagen und Maschinen würden locker für die doppelte Fläche ausreichen. Daneben müsste aber auch der Preis stimmen, denn ich stelle nicht gern Aushilfskräfte ein, die dann den höheren Lohn haben als ich!

*Der Hopfenübernahmepreis wurde gemäss Beschluss Ihrer Hopfen-Genossenschaft (GSH) für drei Jahre (2010–2012) auf 430 Franken für fünfzig Kilogramm festgelegt. Das sind 8.60 Franken pro Kilo. Hopfenpreise sind Weltmarktpreise. Wie sieht es mit den Erträgen für den Hopfenanbau in Stammheim aus? Sind Hopfen ein gutes Geschäft für Sie?*
Ich arbeite fast ausschliesslich mit Maschinen, die älter als zwanzig Jahre und damit amortisiert sind. Darum und weil wir vieles selber machen, sprich wenig betriebsfremde Arbeitskräfte einsetzen, ist der Anbau noch machbar. Heute mit dem Hopfenbau zu beginnen, ist aber völlig unmöglich.

*Sie sind Mitglied in der Genossenschaft für Schweizer Hopfen (GSH) sowie seit 1991 Präsident des Vereins Schweizerischer Hopfen-Produzenten (VSH) mit neun Mitgliedern. Was bezwecken und nützen diese Organisationen den wenigen Hopfenanbauern?*
Da mindestens alle drei Jahre über den Hopfenpreis verhandelt wird, sind eine gute Absprache und ein Konsens unter den Produzenten sehr wichtig. Ausserdem gibt es viele andere Bereiche, wo eine offizielle Ansprechperson nötig ist – etwa für Pflanzenschutz und Direktzahlungsverordnung –, denn wir haben keine andere Lobby.

*Wie viele Hopfenbauer gibt es noch im Stammertal?*
Heute sind wir im Stammertal noch fünf Pflanzer, als mein Vater 1949 mit dem Anbau begann, waren es acht Bauern und fünf Jahre später sogar 19 Produzenten. Allerdings war der durchschnittliche Hopfengarten nur etwa eine Juchert, circa 36 Aren gross, und heute beträgt die Anbaufläche pro Betrieb doch 1 bis 2,9 Hektaren.

*Gibt es einen Trend bei den Hopfenpflanzen?*
Die Hopfenpflanzen-Neuzüchtungen werden wie alle Kulturpflanzen immer ertragreicher und krankheitsresistenter. In der Schweiz werden vermutlich immer mehr Bitterstoffsorten angebaut, weil die Brauereien dies wünschen. Die Umstellungen gehen aber sehr langsam vor sich, denn eine Sorte kann locker zwanzig bis dreissig Jahre genutzt werden, und ein Sortenwechsel ist mit viel zusätzlicher Arbeit verbunden.

*Die alte Heilpflanze hat viele Vorzüge, und der Anbau ist speziell. Was fasziniert Sie am Hopfenanbau?*
Der Hopfen ist eine schöne Pflanze, und ein Hopfengarten im August ist doch sehr imposant. Hopfenanbau ist jedes Jahr eine neue Herausforderung und sehr spannend. Es ist jedes Jahr faszinierend, wie schnell die Hopfen in die Höhe schiessen – bis zwanzig Zentimeter pro Tag –, und der Geruch während der Ernte ist unbeschreiblich. Ausserdem bin ich natürlich Bierliebhaber, und etwas für dieses Getränk zu produzieren, freut mich besonders, auch wenn ich die heutigen Biere eher zu wenig bitter finde.

*«Die Schweizer Hopfenbauern haben den Trend im Wechsel der Pflanzen verpasst und die besonderen Aromakomponenten des Hopfens vergessen», meint Bierguru und Brauer Martin Wartmann aus Frauenfeld. Es gilt nach wie vor der Bitterstoffgehalt als allein selig machend, während in den USA und England die spezifischen Aromasorten einen wahren Boom erleben. Wie sehen Sie das?*
Zum Teil gebe ich Martin Wartmann recht, allerdings ist es fast nirgends so, dass etwas angefasst wird, wenn es nicht bezahlt wird. Andrerseits müssen Sie sich die Dimensionen vor Augen halten: In der Schweiz werden etwa 30 Tonnen Hopfen geerntet. 80 Prozent dieser Menge wird von den Konzernen Carlsberg und Heineken gekauft und verwendet, das heisst, wenn wir nicht das produzieren, was sie wollen, können wir 80 Prozent unserer Ernte nicht verkaufen.

*Hopfenlaus und Spinnmilben sind omnipräsent. Wie halten Sie es mit dem Pflanzenschutz?*
Wer erlebt hat, wie schnell so ein Schädling den Ertrag dezimieren und die Qualität zunichtemachen kann, der begreift auch, dass der Hopfenbauer Gegenmassnahmen ergreift. Natürlich heisst die Devise: So viel wie nötig, so wenig wie möglich, aber es ist sehr schwierig, den Verlauf eines Schädlings- oder eines Pilzbefalles abzuschätzen.

*Biologischer Hopfen führt weiterhin ein Schattendasein. Acht von neun Anbauern führen konventionelle Betriebe. Warum bauen Sie nicht Biohopfen an?*
Mit 2,5 Hektaren ist der Bedarf an Biohopfen in der Schweiz mehr als abgedeckt. Ausserdem muss in der Schweiz der gesamte Betrieb nach den Biorichtlinien geführt werden. Als Traubenproduzent kommt das für mich nicht in Frage. Daneben stellt sich die Frage, warum ich Fortschritte in der Anbautechnik und im Pflanzenschutz nicht nutzen sollte. Von einem herausragenden Einhundert-Meter-Läufer erwartet man auch nicht, dass er diese Leistung mit Wasser und Brot vollbringt. Im Übrigen habe ich es zu oft erlebt, dass erstens Konsumenten, die Bioprodukte verlangen, keine Ahnung haben von der Bioproduktion und zweitens, wenn sie im eigenen Garten ein Problem haben, sehr schnell zur Giftspritze greifen. Damit Sie mich richtig verstehen: Ich habe hohen Respekt vor den Biobauern und den Leistungen, die sie erbringen, aber im Hopfenbau ist es enorm schwer und der Ertrag extrem starken Schwankungen unterlegen. Den ökonomischen Aspekt kann ich nicht ausklammern, denn der Hopfenanbau liefert etwa einen Drittel des Betriebseinkommens.

*Der Bierkonsum stieg im Jahr 2010 leicht auf 57,3 Liter pro Kopf. Der Trend geht aber auch zu alkoholreduzierten Bieren – und zu Mineralwasser. Wie sehen Sie die Zukunft für die Schweizer Hopfenbauern? Wird in zwanzig Jahren noch Hopfen in Stammheim und in der Schweiz angebaut?*
Ich fände es sehr schade, wenn der Hopfenbau in der Schweiz zum Erliegen käme. Eine bald hundertjährige Kulturpflanze würde verschwinden und damit viel Wissen und Know-how. Im Weiteren sehe ich den Hopfen als Bereicherung unserer Landschaft. Im Stammertal gehört der Hopfen einfach dazu.

**Hopfenanbau Seit über 60 Jahren Familienbetrieb**
*Stefan Ulrich*
1960 in Unterstammheim geboren, studierte er 1981 an der ETH Zürich Agronomie. 1988 übernahm er mit seiner Frau Sylvia aus Buchberg SH, auch Bäuerin, den 1976 erbauten Hopfenhof in der Nähe des Bahnhofs Stammheim. Ulrich ist seit 1991 Präsident des Vereins Schweizerischer Hopfen-Produzenten (VSH). Stefan und Sylvia Ulrich sowie ihre vier Kinder bewirtschaften 20 Hektaren Land. Sie betreiben vor allem Milchwirtschaft und Rebbau (125 Aren). 2010 begannen sie mit der Zucht der besonderen englischen Jersey-Kühe, denn 2013 tritt die neue Tierschutzverordnung in Kraft, die die Haltung der bisherigen Fleckviehrasse in ihrem Stall untersagt.

*Verarbeitung*
1949, lange nach der «Anbauschlacht Wahlen», begann Stefans Vater René Ulrich, Hopfen anzubauen. Bis 1955 wurden viele Hopfen noch von Hand geerntet. Heute werden die aromatischen Blüten – die Dolden – auf einer Pflückmaschine von den Ranken abgezupft, getrocknet und in 50 bis 60 Kilogramm schweren Ballen verpackt. Die gesamte (getrocknete) Hopfenernte in der Schweiz wird mit Lastwagen in das grösste deutsche Hopfenanbaugebiet, in die bayrische Hallertau – mit über 15 000 Hektaren – gebracht. Dort werden die Hopfen fein gemahlen, die Bitterstoffe standardisiert, und in kleine, zylinderförmige Körper pelletiert, das heisst gepresst.



«Es werden vermutlich immer mehr Bitterstoffsorten angebaut»: Stefan Ulrich, 51, in seinem Hopfengarten in Unterstammheim.
Bild Urs Oskar Keller

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30. Juni 2011 | Wie Schreibenlernen das Denken formt

Schaffhauser Nachrichten, Feuilleton
Roger Staub

Jüngst überraschte die Meldung in den Medien, dass jeder zehnte Schweizer von «funktionalem Analphabetismus» betroffen ist, also kaum lesen und schreiben kann. «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans halt später!», das ist das Credo unserer Zeit, in der wir zu lebenslänglichem Lernen verknurrt sind. Sobald der Mensch aufrecht steht, beginnt er zu gehen, seine Kindheit und Jugend durchrennt er förmlich, und wenn er erwachsen ist, joggt, walkt oder spaziert er. Aber immer «geht» er. Auch der 100-Meter-Läufer «geht», was ihn unterscheidet, sind Laufzeit und Technik. Ähnlich verhält es sich mit dem Schreiben, dessen Bedeutung oft noch unterschätzt wird – nicht nur für die kulturelle, sondern vor allem auch für die persönliche Entwicklung.
Von einem Abgänger wird nach zehn Grundschuljahren erwartet, dass er «des Schreibens mächtig» ist, ein – gemessen am Möglichen – etwas grosses Wort. An weiterführenden Schulen wird die Latte höher gesetzt: Am Gymnasium muss der Aspirant beispielsweise Aufnahmeprüfung und Probezeit bestehen – hat er eine Schreibschwäche, muss er diese mit Stärken in anderen Fächern – zum Beispiel in den Naturwissenschaften – ausgleichen. Und er tut gut daran, seine Schreibkompetenz zu erhöhen, will er auf einer Universität oder Hochschule bestehen. Denn spätestens dort werden ihm die Folgen einer «akademischen Legasthenie» drastisch vor Augen geführt, wenn er in kurzer Zeit einen Text abliefern muss oder dem Redefluss der Vorlesung schreibstumm ausgeliefert ist. Die Verwendung des grammatikalisch männlichen Geschlechts schliesst hier auch die Gymnasiastinnen mit ein, wenngleich eine jüngste Studie zum Schluss kommt, dass die Lese- und Schreibkompetenz junger männlicher Erwachsener denen ihrer Kolleginnen etwas hinterherhinkt. Während Mädchen immer noch vermehrt lesen, sitzen die Jungen länger am Computer.
Die Hochschulen beklagen sich über formale Schwächen, die einen Text zuweilen bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln. Da hilft kein Autokorrekturprogramm und – dank ausgereifter Fahndungsprogramme – inzwischen auch kein Plagiieren. Ghostwriter helfen bereitwillig, lassen sich ihre Dienste aber teuer bezahlen – für eine Seminararbeit bis zu fünftausend Franken. Zudem schiebt man das Problem vor sich her, und wenn’s herauskommt, kann man das Studium (oder das Ministeramt) vergessen.
Besser ist es da schon, wenn die Studierenden gut gerüstet an die Universität gehen. Eine anspruchsvolle Aufgabe für die Gymnasien. «Lesen und Schreiben» gehören im Fächerkanon und unabhängig vom gewählten Profil zu den Grundkompetenzen. Das Fach Deutsch bedient sozusagen die anderen Fächer, die auf Präzision im sprachlichen Ausdruck angewiesen sind, um ihre anspruchsvolle Disziplin vermitteln zu können.
Der vertiefte Erwerb einer eigenen Sprache auf der Grundlage unserer Kultur ist für viele Anwärter einer sogenannten Mittelschule zuerst einmal anstrengend. Am Beginn eines jeden Lernprozesses steht die «Enttäuschung», hier die Enttäuschung, der eigenen Gedanken- und Erfahrungswelt keine adäquate Sprache zur Seite stellen zu können. Deshalb beschränkt sich der Schreibunterricht an den öffentlichen Schulen nicht mehr auf die obligaten drei «Aufsätze» je Semester, die dann auch noch benotet werden. Kreatives Schreiben hat längst Einzug in die öffentlichen Schulen gehalten, auf allen Stufen und oft verbunden mit öffentlichen Veranstaltungen, beispielsweise unter Anleitung erfahrener Autoren, an denen die Schüler einen selbst verfassten Krimi oder ein Gedicht vortragen.
Nun macht kein Turnunterricht aus einem Sportmuffel einen Spitzenathleten, doch verhilft er ihm zu mehr Bewegungsfreiheit und körperlichem Wohlbefinden. Doch einige werden auch Spitzensportler – übertragen auf den Deutschunterricht zu Schriftstellern oder Autoren. Denn auch das ist – nebenbei – die Aufgabe des gymnasialen Unterrichts in allen Fächern: Talente aus ihrem Schlaf zu wecken.
Die Hochschulen haben es immer mehr auf «die schnelle und präzise Rezeption und Produktion von Texten» abgesehen. Doch «Schreiben und Lesen» beinhaltet weitaus mehr als die Vermittlung von nützlichen Fertigkeiten; nämlich das Erfassen der inneren und äusseren Wirklichkeit, reflexive Denkschulung und schöpferisches Gestaltungsvermögen.
So wie der Mathematikunterricht das abstrakte Vorstellungsvermögen erhöht, so erweitert der Schreibunterricht – wie übrigens alle Kunst- und Sprachfächer – die Möglichkeiten des individuellen Ausdrucks sowie die geistige Fantasie. Er ermöglicht, sich «der Welt zu bemächtigen» – analytisch wie musisch, objektiv wie individuell. Und die Segnungen einer vertieften Sprachkompetenz müssen ja nicht alle messbar sein; Psychologen ist die therapeutische Wirkung von Schreibprozessen als Teil der menschlichen Kreativität seit Längerem bekannt.
Im Zeitalter der rasenden Bilder (neue Medien) zwingt Lesen und Schreiben zur Entschleunigung, hier geht nichts schnell, hier unterliegt alles der gestalterischen Sorgfalt. Diese öffnet auch den Blick für die Literatur und die Kunst ganz allgemein, welche in Zeiten ökonomischer und technischer Prioritäten gerne vernachlässigt werden, aber unverzichtbarer Bestandteil einer (auch im wissenschaftlichen und sozialen Sinne) schöpferischen Kultur ist.

Roger Staub unterrichtet an der Kantonsschule Schaffhausen. Er berichtet hier von seinen persönlichen Erfahrungen als Deutschlehrer und nicht aus offizieller Sicht der Schule als Institution.


**Vielfältig Das Lese- und Schreibangebot an der Kantonsschule**

An der Kantonsschule von Schaffhausen bemüht man sich auf verschiedenen Ebenen um die Förderung der Schreibkompetenz. Die intensive Lektüre anspruchsvoller Texte und die analytische Betrachtung des Hochdeutschen verfeinern das Sprachgefühl. Doch genügt das nicht, um den Ausdruck nachhaltig zu verbessern – es muss vor allem geschrieben werden: So werden im Halbklassenunterricht Texte verfasst und vorgetragen. Der intime Rahmen fördert das Vertrauen in die eigenen Texte und ermöglicht eine intensive Betreuung, die notwendig ist, damit bei jedem Schüler dort angesetzt werden kann, wo es stockt.
Im zweiten Schuljahr wird eine Facharbeit geschrieben, gewissermassen als Probelauf für die Maturaarbeit. Jährlich finden Wettbewerbe mit überregionaler Ausstrahlung statt – zum Beispiel Slam-Poetry, aber auch Förderwettbewerbe, welche dem Schreiben das entsprechende Prestige verleihen und den Talenten eine Plattform für ihr überdurchschnittliches Können bieten – ähnlich den Anlässen, wie man sie aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich kennt. (rst)

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9. Juni 2011 | Aufbruch in unerforschte Welten

Schaffhauser Nachrichten Schaffhausen/Neuhausen
Daniel Jung

Bereits am Montag war auf dem Pausenplatz der Kantonsschule ein UFO gelandet. Allerdings wurde aus Sicherheitsgründen von der Alien-Kontrollbehörde «Men in Black» ein Zelt um das Flugobjekt herum errichtet. Diese ausserirdische Ankunft hatte in der Kanti einige Unruhe hervorgerufen, waren doch seither auf dem Gelände zahlreiche Reporter unterwegs, dargestellt von Maturandinnen und Maturanden. Ebenfalls trat eine Hippie-Sekte auf den Plan, die in der Ankunft des Raumschiffs entweder das Ende der Welt oder den Anfang einer intergalaktischen Umarmung erkannte. Daneben lieferten sich die in schwarze Anzüge gekleideten und mit Sonnenbrillen und Laserpistolen ausgerüsteten «Men in Black» und die verschiedenen ausserirdischen Lebensformen wilde Wasserpistolenschlachten.

Kostümierte Kantischüler
In ihrer letzten offiziellen Schulwoche vor den Prüfungen gehen die Schülerinnen und Schülder der vierten Kantiklassen traditionell verkleidet in den Unterricht – sofern sie diesen überhaupt noch besuchen. Gestern gipfelte ein solches Kostümspektakel wieder einmal in einem unterhaltsamen Anlass für die ganze Schule, der sich nach anfänglichen Spässen und Kapriolen in den Schulhäusern hauptsächlich in der grossen Dreifachturnhalle auf dem Munot abspielte. Dort mussten die unteren Schulklassen jeweils einen thematisch passenden Beitrag vorführen. Die Klassen des sprachlichen Profils hatten eine Weltraumversion des Märchens vom bösen Wolf und den sieben Geisslein ohne Worte darzustellen. Die Schüler des musischen Profils hatten die Aufgabe erhalten, einen Rap zur Kommunikation mit den Ausserirdischen zu erarbeiten – leider waren diese Darbietungen mehrheitlich kaum zu verstehen, sei es wegen der Akustik in der Halle oder der fehlenden Koordination der Sprechsänger. Als humoristischen und obszönen Höhepunkt waren die Klassen des naturwissenschaftlichen Profils angehalten worden, ein Verhütungsmittel für Aliens zu entwickeln. Diese abstrusen Instrumente präsentierten die Gruppen unter grossem Gelächter vor ihren Mitschülern. Ebenfalls wurde in der Halle der «goldene Erstklässler» gewählt – diese Ehre fiel Dilan Rama zu. Neben der «schwärzesten Raucherlunge» wurde auch das beliebteste Kanti-Pärchen ausgezeichnet – hier erhielten Nadine Frei und Alexander von Stegmann am meisten Applaus. Zuvor hatte hatte jedoch Rektor Urs Saxer mit pinkfarbener Perücke und heliumerhöhter Stimme den unteren Klassen erklärt: «Der normale Schulalltag geht um 13 Uhr weiter.»



Ein junger Mann mit Schädelmaske und die vier Maturandinnen Irina Lerch, Isabelle Kohler, Jessica Huber und Yvonne Burger gestern Vormittag am Maturstreich.
Bild Selwyn Hoffmann

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8. Juni 2011 | Keiner zu jung, um Firmenchef zu sein

Schaffhauser Nachrichten; Region
Christoph Aebi

Kurz vor acht Uhr morgens beim Landhaus hinter dem Bahnhof Schaffhausen: Gegen 70 Jugendliche warten auf einen Extrabus. Es herrscht Schulausflugsstimmung. Das Ziel der Fahrt ist jedoch nicht etwa ein Vergnügungspark, sondern das Ausbildungszentrum Klostergut Paradies in Schlatt/TG, ein Klarissenkloster aus dem 13. Jahrhundert. Das direkt am Rhein in einem wunderschönen Park gelegene Anwesen wird als Ort angepriesen, an dem man «fern vom Alltag konzentriert und kreativ arbeiten kann».
Dies ist die Absicht der Kantonsschule Schaffhausen, die im Klostergut zweimal jährlich ihre Wirtschaftswoche durchführt. Das ursprünglich durch die Ernst-Schmidheiny-Stiftung entwickelte Konzept findet in der ganzen Schweiz regen Anklang. An der Kantonsschule Schaffhausen können seit 1972 alle Schülerinnen und Schüler, entweder in der 3. oder 4. Klasse, einmal davon profitieren. Die Wirtschaftswoche bietet gemäss Urs Saxer, Rektor der Kantonsschule Schaffhausen, «einen praxisbezogenen Einblick in die Funktionsweise der Wirtschaft, um dadurch das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge zu fördern». Als Basis fungiert eine computergestützte Unternehmenssimulation, mit deren Hilfe die Schüler konkrete Entscheidungen aus verschiedenen Führungsebenen einer Unternehmung treffen können. In dieser Woche reisen Schüler und Schülerinnen aus vier Klassen sowie sieben Lehrlinge aus der Region täglich nach Schlatt. Die Klassen werden gemischt und neu zusammengestellt. Dies fördert laut Urs Saxer die Gruppendynamik. Für den Praxisbezug sorgen Führungskräfte aus der Wirtschaft. An diesem Dienstagmorgen vermittelt der 30-jährige Mathias Weber, Verkaufsleiter Homecare bei der IVF Hartmann AG, im «Habsburgerzimmer» des Klostergutes seiner Klasse alles Wissenswerte über das Marketing einer Firma. Er tut dies kompetent und mit anschaulichen Beispielen. Die Schüler und Schülerinnen sind eher scheu, zurückhaltend, aber, wie Mathias Weber betont, «oberpünktlich und sehr diszipliniert». Er macht die Klasse darauf aufmerksam, dass Marketing nicht nur aus Werbung besteht, sondern Selektion, Akquisition und Bindung der Kunden ebenso wichtig sind. Zu Beginn der Woche bildeten die Schüler in der Klasse vier Gruppen und somit vier Unternehmen. Mathias Weber erteilte ihnen den Auftrag, die Geschäftsstrategien für ein Produkt mit einem Maximalwert von 70 Franken zu bestimmen. Mittels Brainstorming generierten die Gruppen Ideen wie die Herstellung von Wein, Mes- sersets, Sesseln oder Steigbügeln. Schliesslich entschieden sich die Schüler, mit ihren soeben gegründe-ten Unternehmen Kontaktlinsen herzustellen. Nun sitzen die frischgebackenen Repräsentanten und Repräsentantinnen der «Clear View AG», der «Swiss Lens Company», der «Öko Eye AG» sowie von «Eagle Eye» gespannt im Raum. Mathias Weber erteilt ihnen nach einem kurzen Theorieblock den Auftrag, ein Kommunikationskonzept für ihre Unternehmen auszuarbeiten. Die Kreativität der Jungunternehmer und Jungunternehmerinnen ist gefragt. «Öko Eye», welche für die ökologische Produktion ihrer Linsen nur brasilianischen Kautschuk verwendet, appelliert an das soziale Gewissen. Die «Clear View AG» stellt die anhaltende Feuchtigkeit und die lange Tragbarkeit ihrer Produkte in den Vordergrund. Die Resultate werden am Donnerstag in der Klasse präsentiert. Zuvor dürfen sich die Schüler auf den Mittwoch freuen. Dann erhalten sie einen Einblick in ein reales Unternehmen der Region.


**Vier Teilnehmende Erwartungen an die Wirtschaftswoche und Rückblick auf die ersten zwei Tage**

Armin Ajdarpasic (Klasse 3ma): Es ist sehr interessant, zu sehen, wie die Wirtschaft funktioniert. Die Zusammenhänge sind auf den ersten Blick jedoch eher schwierig zu verstehen. Auch ist es nicht ganz einfach, im Unternehmensplanspiel Entscheidungen zu treffen.

Sabine Schäppi (Klasse 3mc): Ich möchte viele interessante Dinge erfahren und den Schulstoff aus der Kanti weiter vertiefen. Wir haben es lässig in unserer Gruppe, und der Unterricht ist spannend. Nun freue ich mich auf die Firmenbesichtigung, welche für den Mittwoch geplant ist.

Marijan Rajan (Automatikerlehrling, Bircher Regiomat AG): Als mich mein Lehrmeister angefragt hat, ob ich bei der Wirtschaftswoche mitmachen möchte, habe ich sofort zugesagt. Zu den praktischen Kenntnissen aus meiner Ausbildung erhalte ich hier noch zusätzliche Theorie.

A. K. (Klasse 3sc): Ich möchte Einblick erhalten, wie es in der Wirtschaft wirklich abläuft. Am ersten Tag mussten wir Entscheidungen treffen, ohne deren Auswirkungen zu kennen. In der Realität ist es jedoch auch so, dass man nicht weiss, wie sich der Markt entwickelt.


**Nachgefragt**

«Die Jugend ist das Kapital von morgen»

Andreas Gisler ist CEO der IVF Hartmann Gruppe sowie Vorsitzender der Bildungs- und Personalkommission der Industrie- & Wirtschaftsvereinigung Schaffhausen (IVS). Die IVS unterstützt die Wirtschaftswochen der Kantonsschule Schaffhausen seit ihren Anfängen.

*Herr Gisler, wie gross ist das Engagement der Industrie- & Wirtschafts- vereinigung Schaffhausen (IVS) bei den Wirtschaftswochen der Kantonsschule Schaffhausen?*
Andreas Gisler: Die direkt bezifferbaren Kosten der Wirtschaftswochen, beispielsweise für die Infrastruktur, betragen mehrere Tausend Franken pro Jahr. Die IVS stellt jedoch auch Führungskräfte als Lehrpersonen zur Verfügung. Aus meiner Firma, der IVF Hartmann AG, unterrichten zum Beispiel ein Verkaufsleiter sowie der IT-Chef die Schüler. Diese Führungskräfte sind während einer ganzen Woche nicht in der Firma. Die zwei Wirtschaftswochen (inklusive Infrastruktur, Lehrpersonen, Sozialtag etc.) kosten somit effektiv ungefähr 100 000 Franken pro Jahr.

*Wieso engagiert sich die IVS derart grosszügig, und was erhofft sie sich davon?*
Gisler: Wir von der IVS sind überzeugt, dass die Jugend das Kapital von morgen ist. Deshalb ist es sehr wichtig, die Jugendlichen auch in praxisbezogenen Wirtschaftsfragen weiterzubilden. Es ist jedoch nicht primär das Ziel zu sagen: «Ich gebe dir etwas, damit du mir auch etwas zurückgibst.» Wir handeln eher nach dem Motto: «Tue Gutes und sprich darüber.»

*Welche Erfahrungen hat die IVS mit der Unterstützung der Wirtschaftswochen gemacht?*
Gisler: Die Erfahrungen sind extrem positiv. Dies betrifft sowohl die Rückmeldungen vonseiten der Schülerinnen und Schüler als auch vonseiten der Berufslernenden und der Fachlehrer.
Interview Christoph Aebi

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31. Mai 2011 | Festival de Cannes in Schaffhausen

Schaffhauser Nachrichten, Stadt Schaffhausen
Linda Hatt

Wie jedes Jahr kurz vor den Maturaprüfungen ging der Maturaball der Kantonsschule Schaffhausen und der Fachmittelschule FMS über die Bühne. Dabei ging es bei den Damen natürlich darum, für einmal ein kleiner Star zu sein. Es gab eine grosse Vielfalt an Kleidern zu sehen, von kurz über lang, von klassisch bis hin zu modern. Auch den Farben der Kleider waren keine Grenzen gesetzt, jedoch hielten sich viele Ladys dann doch an dunkle und schlichte Farben, mutige wagten sich jedoch auch an knallrote Roben. Zu den Kleidern mussten selbstverständlich auch die Frisur, die Accessoires und die Schuhe passen. Wobei die eine oder andere dabei erwischt wurde, wie sie ihre Highheels im Laufe des Abends dann doch gegen Ballerinas austauschte. Einige leisteten sich auch extra eine Coiffeurbesuch und liessen sich aufwendige Hochsteckfrisuren machen. Obwohl das Outfit für die Männer wohl eher sekundär war, wussten auch sie sich anzuziehen. Die meisten erschienen in Smoking, und manch einer hatte seine Krawatte sogar dem Kleid der Begleiterin angepasst.
Am Eingang war ein roter Teppich ausgerollt worden, wie für die Filmfestspiele in Cannes. Denn der diesjährige Ball stand unter dem Motto Festival de Cannes. Dieses Motto passe genau in die Zeit, da die echten Festspiele erst gerade über die Bühne gegangen seien, meinte Jasmin Licina vom OK. Sie fügte an, dass die Organisation des Anlasses sehr zeitaufwendig und teilweise kompliziert gewesen sei. Doch der Aufwand hatte sich gelohnt, die Besucher schienen auch alle zufrieden zu sein. «Es isch lässig, besser, als mir erwartet händ», bestätigten zum Beispiel Jonas Busshard und Valerie Lüddecke. Was das Tanzen, also den eigentliche Grund des Anlasses betraf, lief es zumindest zu Beginn etwas harzig. Denn der DJ vergriff sich etwas im Musikstil. Zu elektronischer Musik fiel es den meisten Maturanden schwer, die Tanzschritte aus dem extra zuvor besuchten Tanzkurs umzusetzten. Sie vertrieben sich die Zeit an der Bar, beim Plaudern und am reichhaltigen Dessertbuffet. Teilweise ging es auch etwas hektisch her und zu, wenn sich die ganze Klasse zum Fototermin einfinden sollte. Wie jedes Jahr war ein Fotograf anwesend, der alle Klassen zu einem Foto zur Erinnerung an die Kantizeit ablichtete. Die Stimmung wirkte sehr ausgelassen. Somit war es ein gelungener Abend, um Spass zu haben, sich einmal wie ein Sternchen zu fühlen und ein letztes Mal mit den Mitschülern zu feiern.

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30. Mai 2011 | Olympisches Training mit Oxalsäure

Schaffhauser Nachrichten, Stadt Schaffhausen
Conradin Leeser

Natriumchlorid, Salpetersäure, Kaliumhiocynat, Wasserstoffperoxid. Die braunen und weissen Bouteillen stehen in Reih und Glied, eine nach der anderen. Sorgfältig dem Dichtegrad nach aufgereiht, grosse Flaschen und kleine Fläschchen, der Totenkopf auf rotem Etikett mahnt zur Vorsicht. Erster Gedanke: Wenn das mal nicht richtig «chlöpft und tätscht»! Lucia Meier scheint Gedanken zu lesen: «Die meisten Chemiestudenten kommen wohl tatsächlich über das ‹Chlöpfen› zur Materie», so die angehende Chemikerin mit einem Schmunzeln, «zumindest die Männer.» Sagts und schaut zu ihrem Kollegen Sebastian Keller, der wie sie an der ETH Zürich, Ziel: Masterdiplom, studiert. Die beiden Aargauer beehrten Schaffhausen am Samstag indes nicht explosiver Reaktionen wegen, vielmehr kamen sie in olympischer Mission: die Chemieolympiade ruft. Oder besser: Die Vorbereitungskurse dazu. Säure-Basen-Titration, Redox-Titration, chemische Berechnungen – die beiden Studenten vertiefen mit Olympiakandidaten das theoretische und praktische Einmaleins der Chemie – unter anderem an der hiesigen Kantonsschule. Dass die Kanti das Projekt unterstützt, ist für Prorektor und Chemielehrer Thomas Stamm selbstverständlich: «Schüler und Kursleiter investieren sehr viel in diese Kurse – das möchten wir wertschätzen.» Umso mehr, als die Olympiade einiges von den Teilnehmern abverlangt: «Das Basiswissen muss sehr solide sein, und auch wissenschaftliche Kreativität ist gefragt – organische Probleme sind teilweise sehr abgefahren.» Den Schülern dürfte dabei entgegenkommen, dass ihnen die Lehrer bei Fragen mit Rat und Tat zur Seite stehen – mitunter ein Verdienst der guten Beziehung zwischen Schülern und Lehrern, ist sich Stamm sicher. «Dadurch, dass wir es miteinander gut haben, können wir auch gut motivieren und unterstützen.» Stellt sich die Frage: Kommt der nächste Olympiasieger aus Schaffhausen? Stamm zeigt sich optimistisch: «Die Chancen sind absolut intakt.» Marion Thalmann, eine der Schaffhauser Olympiakandidatinnen, sieht die Sache derweil etwas pragmatischer: «Man lernt viel, und es ist durchaus eine interessante Erfahrung – wenn es mit Olympia nicht klappt, dann habe ich immerhin schon den Maturastoff repetiert.»

Langer Atem ist bei diesem Versuch gefragt: Sebastian Keller bläst mittels einer Pipette Atemluft – und damit auch Kohlenstoffdioxid – in die Wasserlösung. Der Indikator reagiert dabei auf die eintretende Kohlensäure, wodurch sich bei der Flüssigkeit eine Farbveränderung einstellt.

Genaues Arbeiten ist nebst solidem Basiswissen unabdingbar: Marion Thalmann und Jonas Freitag arbeiten an einer chemischen Analyse. Die Motivation? «Ich möchte später Richtung Chemie studieren – das ist jetzt ein guter Test, ob mir die Materie auch wirklich gefällt», so Freitag.

Redox-Titrationen sind Standardlaborversuche, die an der Chemieolympiade geprüft werden. Kantischülerin Melanie Gut erklärt die bunte Reaktion wie folgt: «Hier wird Kaliumpermanganatlösung in Wasser mit Oxalsäure gegeben. Ist keine Oxalsäure mehr vorhanden, wirds violett.»

E Kursleiter und Olympiaveteranen zugleich: Lucia Meier und Sebastian Keller waren selbst zweimal als Teilnehmer an der Chemieolympiade dabei. «Es war eine tolle Erfahrung – nicht nur die Chemie, sondern auch der Kontakt mit den anderen Nationen ist sehr spannend.»

**Chemieolympiade Fakten zum Wettbewerb**

Die Chemieolympiade ist ein jährlicher Wettbewerb, bei dem sich je vier Schülerinnen und Schüler aus 60 Nationen in theoretischer und praktischer Chemie messen. Teilnahmeberechtigt sind Schüler unter 20 Jahren, nicht aber Studenten. Wissenschaftsolympiaden gibt es auch für Physik, Mathematik und weitere Disziplinen. Die Vorbereitungskurse dienen der Vertiefung der zentralen chemischen Stoffgebiete und üben die Bearbeitung olympischer Aufgabenstellungen – unter anderem chemische Analysen im Labor. An den Kursen für die Nordostschweiz, die in St. Gallen und Schaffhausen stattfinden, nehmen 17 Schüler teil, darunter fünf Schaffhauser. Die Vorbereitungen erfolgen gezielt auf die Schweizer Vorausscheidung im Oktober 2011, an der aus rund 200 Teilnehmenden die vier Finalisten bestimmt werden, welche 2012 an die Chemieolympiade nach Washington D. C. reisen werden. Getragen werden die Förderkurse durch die Herisauer Stiftung Methrom.

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25. Mai 2011 | Platzverbot für König Alkohol

Neue Zürcher Zeitung
Joachim Güntner

Trinker, zieht euch warm an! Oder vielleicht auch besser nicht, denn ihr könntet dadurch nur noch durstiger werden. Was ungelegen käme, denn die Gegner des fröhlichen Zechens rüsten auf. Gerade jetzt führen Liechtenstein, Deutschland und die Schweiz eine Aktions- bzw. Dialogwoche gegen den Alkohol durch. Noch fehlt zwar solchen Initiativen die ganz grosse Resonanz. Doch es scheint, als habe das Trinken seine freizügigsten Zeiten hinter sich. Überall wird über Lenkungsabgaben und Platzverbote nachgedacht. Alkoholika sollen verteuert, Alterslimiten für die Kunden heraufgesetzt, nächtliche Ladenverkäufe begrenzt und Gelage aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden.

Säufer und Abstinenzler
Liest man einmal quer durch die Websites der deutschen «Aktionswoche Alkohol», möchte man auf der Stelle trocken werden. Da findet sich von den Wonnen des Trinkens nichts, von seinen schrecklichen Folgen alles: Alkoholkonsum macht abhängig, schädigt die Organe und steigert das Krebsrisiko, der Genuss trübt Wahrnehmung und Verstand. Die nach den ersten Gläsern eintretende gute Laune hält oft nicht lange vor, kippt um in Reizbarkeit. Alkohol ist ein Katalysator für Gewaltexzesse. Ob bei Schlägereien am Rande von Sportveranstaltungen oder bei Vergewaltigungen, ob bei den hinter verschlossenen Türen malträtierten Familienangehörigen oder bei den von Kameras dokumentierten spektakulären Brutalitäten in der U-Bahn – regelmässig ist Alkohol im Spiel. Nicht erst der Schläger, schon der aggressionsfreie Süchtige fällt als unangenehmer Zeitgenosse auf. Schwerer Trunk deformiert seinen Charakter und lädiert seine Arbeitsfähigkeit. Wer alkoholkrank ist, ist wirklich krank. Er hat nicht etwa nur ein Zipperlein, da gibt es wahrlich nichts zu beschönigen. Erst recht nicht, wenn davon bereits Kinder und Jugendliche betroffen sind.
Wahrscheinlich wird es Bier, Wein und Schnaps so ergehen wie den Zigaretten: Der Konsum wäre dann nur noch an wenigen Orten erlaubt, und die Etiketten der Genussgifte lauteten etwa: «Chianti 2015. Vorsicht: Ausgiebiger Verzehr von Wein kann zu Leberzirrhose und frühem Ableben führen.» Kommt es dahin, dass endlich nicht nur die Massenware, sondern selbst der 1999er Château Margaux Premier Grand Cru classé derlei Warnungen trägt, so ist es auch mit dem klassenbewussten Saufen vorbei. Noch kann sich ja der Weintrinker mit exquisitem Geschmack und entsprechendem Geldbeutel in dem Selbstbewusstsein sonnen, seine kultivierte Passion für einen exzellenten Roten habe nichts gemein mit den Tafelweinfreuden der suchtgefährdeten Stände. Eine gleichmacherische Kennzeichnungspflicht der Gesundheitsgefahren auf jeder Bouteille wäre da ein arger Schlag ins Kontor.
Man sage nicht, Alkoholpolitik sei wirkungslos, denn wer seinen Stoff wolle, bekomme ihn auch. Es macht schon einen Unterschied, ob der Zugang leicht- oder schwerfällt. Nach Statistiken der Weltgesundheitsorganisation liegt der Pro-Kopf-Konsum von Alkohol in Ländern mit hohen Preisen und strengen Auflagen deutlich unter demjenigen von Ländern mit einer laxen Praxis. Setzt sich das Vorbild Skandinaviens durch, haben nicht nur die Botellones ein Ende, sondern auch das meditative Sitzen am Quai oder vor der Haustür mit dem Glas in der Hand. Als wir kürzlich nach einer Lesung in Stockholm nichtsahnend nach draussen gingen, um den nach der Veranstaltung servierten Weisswein in frischer Luft auszutrinken, waren sofort Mahner zur Stelle, die «Verboten!» riefen. Die auf dem Trottoir plaudernden Gäste wurden vorsorglich nach ihren Getränken sortiert: Nur wer Nichtalkoholisches an die Lippen führte oder gar nichts trank, durfte bleiben, die andern mussten wieder hinein. Dabei handelte es sich durchweg um wohlgesetzte Personen mit – so hätten wir früher gesagt – untadeligem Benehmen. Dort in Schweden aber reichte ein Fingerbreit Wein im Glas für eine Gesetzesübertretung. Sieht so unser aller Zukunft aus?
«Weniger ist besser!», lautet das Motto der Aktionswoche Alkohol. Weniger, beruhigt sich über diesen Worten der Trinker, ist immer noch mehr als nichts. Die Geschichte der Alkoholgegner ist geprägt von zwei Fraktionen: den moderaten Verfechtern der Mässigung und den Fanatikern der Abstinenz. Zu Letzteren zählte etwa Alfons Fischer, vor hundert Jahren Kämpfer für soziale Hygiene in Baden, für den bereits ein Säufer war, «wer auch nur ein Glas Bier trinkt». Oder Fischers Zeitgenosse Gustav von Bunge, ein Professor für Physiologie in Basel, der predigte: «Ein Mensch, der auf die alkoholischen Getränke vollständig verzichtet, entbehrt gar nichts, er gewinnt nur an Lebensglück und Lebensfreude.»
Spätestens hier ist der Punkt erreicht, wo wir zaghaft zu widersprechen wagen. Nichts gäbe es zu entbehren? Was ist mit dem angenehmen Kick, der zu spüren ist, wenn nach einem tiefen Schluck der erste Alkohol die Blutbahn erreicht und der Nüchternheit einen – vorerst noch sanften – Rempler versetzt? Was mit der Entspannung, dem Verdämmern der Sorgen, der Erwärmung der Glieder? Was mit den diversen Formen einer allseitig erhöhten Bereitschaft, seien es nun die Gesprächs- oder aber die Paarungsbereitschaft? Man kann sich Gegner freundlich und Frauen schön trinken – ist das nichts? Dabei haben wir die Trostfunktion des Alkohols nicht einmal erwähnt. Dieser Trost kann sehr schal sein, das stimmt zweifellos, vor allem am nächsten Morgen. Und doch gab und gibt es Momente, da man seiner schwerlich entbehren mag. «Der Branntwein ist ihnen fast die einzige Freudenquelle», schrieb Friedrich Engels über die Ärmsten des Industrieproletariats. Für sie berge der billige Trank die Gewissheit, «im Rausch wenigstens für ein paar Stunden die Not und den Druck des Lebens zu vergessen».
Als sozialistischer Theoretiker prangerte Engels die Umstände an, nicht den Säufer, nicht den Fusel. «Die Trunksucht hat hier aufgehört, ein Laster zu sein, für das man den Lasterhaften verantwortlich machen kann», schrieb er. Die bürgerliche Tugendlehre kann dies keinesfalls akzeptieren. Auch wer darbt, darf sich nicht einfach gehenlassen. Der «Pest» des Saufens zürnte schon Martin Luther, und das Schrifttum der Reformatoren ist voll von Invektiven gegen dies «grewliche laster», aber zur Verehrung der Nüchternheit kommt es erst mit dem Aufstieg des Bürgertums zur tonangebenden Klasse. Man muss masshalten, verzichten und die Selbstkontrolle bewahren können. Schriftsteller gelten als besonders anfällig für alkoholische Getränke, indessen passt es ins Bild, dass Thomas Mann, der Inbegriff eines Bürgers, nur wenig trank und ein äusserst disziplinierter Autor war. Trocken und fleissig war auch der von seinem Arbeitgeber sehr geschätzte Franz Kafka.
Freilich ist die Liste trinkfreudiger Literaten sehr lang. Auf ihr finden sich so unterschiedliche Naturen wie E. T. A. Hoffmann, Heinrich Heine, Edgar Allan Poe, Hans Fallada, Dylan Thomas, Friedrich Dürrenmatt oder Martin Walser. Besonders eindrucksvoll ist die Parade amerikanischer Literaturnobelpreisträger: Sinclair Lewis, Eugene O’Neill, William Faulkner, Ernest Hemingway, John Steinbeck – lauter Alkoholiker. Peter Richter hat in seinem kürzlich erschienenen Buch «Über das Trinken» (eigentlich ist es eher ein amüsantes Plädoyer dafür als bloss ein Buch darüber) daran erinnert, dass «schon Plutarch seine Sachen schrieb», und er kommt zu dem Schluss: «Schreiben ist ideal zum Trinken.» Bei der Schriftstellerei geht der Griff zur Flasche als Teil der Arbeitsroutine durch. In anderen Jobs hingegen würde man damit einen Rauswurf riskieren.

Ein Recht auf Rausch
Statistisch gesehen ist der Gesamtkonsum von «reinem Alkohol pro Kopf» in Europa rückläufig. Die «Branntwein-Seuche», die sich im 16. Jahrhundert unter der armen Landbevölkerung ausbreitete und mit der Industrialisierung dann auch die Städte erfasste, liegt hinter uns. Soldaten erhalten nicht mehr – wie etwa im Dreissigjährigen Krieg – einen Teil ihres Solds in Branntwein ausgezahlt, und das «Koma-Trinken» der Jugend heute wird man schwerlich mit dem Elendsalkoholismus vergleichen wollen, der Friedrich Engels beschäftigte. Trinken um die Wette, und dies bis zur Bewusstlosigkeit, ist übrigens kein Novum. Laut Johannes Lindenmeyers Informationen zur Alkoholabhängigkeit («Lieber schlau als blau», 2005) teilte sich erstmals im 17. Jahrhundert die Bevölkerung in mässige und unmässige Trinker – wobei der Exzess immer eine Sache der Minderheit blieb.
Sorgt sich nun unsere Gesundheitspolitik um Alkoholkranke und Koma-Trinker, wendet sie ihre Teilnahme mit Recht an hilfsbedürftige Gruppen. Nimmt sie aber deren Exempel, um auch gleich die Mehrheit mit Restriktionen zu belegen, so verdient dies Widerspruch. Jugendschutz und Aufklärung sind gut, übergreifende Gängelung ist übel. Unsereins ist beim Trinken schon mit einem Schwips zufrieden. Doch gegen das Regime der Verbote würden wir jederzeit ein Recht auf Rausch behaupten.

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18. Mai 2011 | Die Zukunft liegt in Asien – und hier

Schaffhauser Nachrichten, Regionale Wirtschaft
Philipp Lenherr

Schaffhausen «Global aktiv, in Schaffhausen zu Hause» lautete der Titel des Referats von Yves Serra, seit 2008 CEO von GF. Deutlich über 100 Personen, darunter ehemalige und aktive Mitglieder Handelsschulverbindung sowie rund 30 Schüler und Schülerinnen der Handelsschule KVS und der Kantonsschule Schaffhausen, sind am vergangenen Montagabend in den Gewölbekeller des Haberhaus Kulturklubs in der Schaffhauser Neustadt gekommen, um die 6. Commercia-Wirtschaftsdebatte zu verfolgen. Dort erfuhren sie aus erster Hand, wie sich GF positioniert, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein, und welche Anforderungen an die Mitarbeitenden gestellt werden.

Ambitionierte Ziele
GF hat mit dem in diesem Frühling präsentierten Jahresergebnis 2010 bewiesen, dass der Konzern die Krise überwunden hat. Grund für eine Verschnaufpause ist das nicht. Stattdessen will GF den Umsatz von 3,4 Milliarden Franken aus dem Jahr 2010 bis ins Jahr 2015 auf 5 Milliarden Franken steigern. Möglich werden soll dies vor allem durch die boomenden Märkte in asiatischen Ländern, allen voran in China, wo GF bereits seit längerer Zeit präsent ist. «Vor zehn Jahren waren die USA und Europa unsere wichtigsten Märkte. Nun verschiebt sich das Gewicht mehr und mehr nach Asien», begründete Serra die strategische Ausrichtung auf diese Märkte. Eine Gefahr für die Standorte in der Schweiz und den Hauptsitz in Schaffhausen? Nein, sagt Yves Serra. Obwohl GF beispielsweise in China Fabriken betreibt, soll das Know-how in der Schweiz bleiben. Für viele Produkte, die in China hergestellt werden, werden wichtige Teile benötigt, die aus der Schweiz kommen. Wichtig für GF seien auch Standortvorteile der Schweiz wie das allgemein attraktive Geschäftsumfeld und die Verfügbarkeit von gut ausgebildeten Fachkräften. 10 bis 15 Millionen Franken jährlich investiert GF laut Serra in den Standort von GF Piping Systems in Schaffhausen. Das hoch automatisierte Werk arbeite trotz starkem Schweizer Franken sehr erfolgreich und erziele gute Renditen. «Es ist nicht unmöglich, in der Schweiz auch produzieren zu können», so Serra. Als wichtigste Anforderungen an aktuelle und zukünftige Mitarbeitende nannte er Auslandserfahrung – «das erweitert den Horizont». Auch sollte man sich flexibel zeigen bezüglich der Funktion im Unternehmen und des Arbeitsorts. Und ganz wichtig: «Der Wille, Leistung zu bringen».

«Ein reiner Glücksfall»
In der Fragerunde fühlte der Moderator des Abends, Martin Schläpfer, Chef Wirtschaftspolitik beim Migros Genossenschaftsbund, dem Kapitän des Schaffhauser Industriekonzerns auf den Zahn. So sprach er etwa die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Verwaltungsrat von GF und Giorgio Behr, dem grössten GF-Aktionär, an. Auch die aktuelle Atomausstiegsdebatte wurde angeschnitten. Serra, der selber früher über zehn Jahre lang in Japan gearbeitet und gelebt hat, scheint einem allzu schnellen Ausstieg kritisch gegenüberzustehen. «Wir sollten jetzt keine sprunghafte, überhastete Entscheidung fällen. Wenn selbst die Japaner die Situation mit einem kühlen Kopf betrachten, warum nicht auch wir in Europa?» Für herzhaftes Lachen sorgte Schläpfer schliesslich mit der Anspielung auf Serras chinesische Ehefrau – ob hinter dieser Wahl eine rein strategische Überlegung gestanden sei, wollte er wissen. «Nein», entgegnete dieser, «es war ein reiner Glücksfall!»

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14. Mai 2011 | Die faszinierende Welt der Chemie

Schaffhauser Nachrichten
Erwin Künzi

Am frühen Morgen des 1. November 1986 heulten im Grossraum Basel die Alarmsirenen: In einer Lagerhalle des Chemiekonzerns Sandoz in Schweizerhalle war ein Brand ausgebrochen, der dadurch verursachte dichte Rauch veranlasste die Behörden, eine mehrstündige Ausgangssperre zu erlassen. Die Feuerwehr bekämpfte den Brand, das Löschwasser floss anschliessend in den nahe gelegenen Rhein und löste dort ein Fischsterben aus. Seither war immer wieder vom «Chemieunfall» in Schweizerhalle die Rede. Warum eigentlich, fragt sich nicht nur der Chemiker Daniel Leu: «Wenn ein Flugzeug abstürzt, spricht man doch auch nicht von einem Physikunfall.»

Beitrag zur Welterkenntnis
Ereignisse wie in Schweizerhalle haben der Chemie zu einem schlechten Image verholfen, ein Image, das sie nicht verdient, denn an den Unfällen war nicht sie, sondern menschliches Versagen schuld. Sie spielt ganz im Gegenteil in verschiedenen Lebensbereichen eine wichtige Rolle, denken wir nur etwa an die Rolle der Chemie bei der Entwicklung von neuen Medikamenten. Für Daniel Leu, der die Konsultationsfirma Leu&Partner betreibt und im kantonalen Umweltschutzamt für den Bereich «Radioaktive Abfälle» verantwortlich ist, ist Chemie noch viel mehr: «Sie hat einen philosophischen Beitrag zur Welterkenntnis geleistet.» Dank dem Periodensystem der chemischen Elemente konnte die Natur in ihre Einzelteile zerlegt werden. Neue Kombinationen wurden möglich, Materialien konnten analysiert und zum Beispiel Lebensmittel und Gewässer auf Bestandteile kontrolliert werden, die dort nicht hineingehören.

Wichtiger Teil der Wirtschaft
Leu ist nicht der Einzige, der sich am schlechten Image der Chemie stört. Da die UNO das Jahr 2011 zum Internationalen Jahr der Chemie ausgerufen hat und sich die Verleihung des Nobelpreises für Chemie an Marie Curie, die die Elemente Radium und Polonium entdeckt hat, dieses Jahr zum hundertsten Male jährt, regte Kurt Seiler, Kantonschemiker und Präsident der Naturforschenden Gesellschaft Schaffhausen, an, in Schaffhausen einen Tag der Chemie zu organisieren. Diese Anregung fiel auf fruchtbaren Boden, und so wird heute in der Kantonsschule der Schaffhauser Tag der Chemie durchgeführt, der von Daniel Leu organisiert und von diversen hier ansässigen Chemiefirmen aktiv unterstützt wird. Letztere bilden einen bedeutenden Teil der Schaffhauser Wirtschaft: So ist etwa die Cilag AG mit ihren rund 1000 Arbeitsplätzen der grösste private Arbeitgeber in der Region Schaffhausen. Diese Firmen haben zudem ein vitales Interesse daran, dass sich der Ruf der Chemie bessert. Zurzeit entscheiden sich zu wenige Jugendliche für ein naturwissenschaftliches Studium im Allgemeinen und ein Chemiestudium im Speziellen und fehlen deshalb den Firmen als Arbeitskräfte. Daher richtet sich der Tag der Chemie zwar an die gesamte Öffentlichkeit, möchte aber besonders bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die faszinierende Welt der Chemie wecken. Das soll mit einem breit gefächerten Programm geschehen (siehe Spalte auf dieser Seite); in diesem wird auch versucht, auf kritische Fragen zur Chemie einzugehen und sie zu beantworten.


**Interviews von Erwin Künzi**

**«Antworten liefert oft nur die Chemie»**
*Was fasziniert Sie an der Chemie?*
Kurt Seiler: In der Forschung hat mich die Entwicklung von konkreten Produkten fasziniert. Wie ein Architekt konnte ich neue Moleküle kreieren, herstellen und anschliessend in Sensoren austesten. Es war der praktische Nutzen, der mich anspornte. Dass einige dieser Produkte den Weg auf den Markt gefunden haben, bedeutete zusätzliche Motivation. Heute hilft mir die Chemie, Vorgänge in der Umwelt zu verstehen: Weshalb findet man Antiklopfmittel im Wasser? Wie bildet sich Feinstaub in der Luft? Welche Substanzen sind gefährlich? Antworten sind oftmals nur dank der Chemie zu finden.

*Warum sollen junge Leute Chemie studieren?*
Seiler: Die spannendsten und wichtigsten Prozesse laufen auf der chemischen Ebene ab. Chemisches Verständnis wird uns helfen, die anstehenden Herausforderungen zu meistern.

**«Spass am logischen Denken»**
*Was fasziniert Sie persönlich an der Chemie?*
Simone Hörtner: Ganz besonders gefällt mir an der Chemie die Mischung aus Handwerk und Kopfarbeit, denn beide Komponenten sind entscheidend für erfolgreiches Arbeiten. Weiter begeistert es mich, dass durch chemisches Verständnis und geeignete Analysemethoden die molekulare Struktur eines Stoffes «ersichtlich» wird.
*Warum sollen junge Leute Chemie studieren?*
Hörtner: Ich kann ein Chemiestudium beziehungsweise eine Lehre als Chemielaborant oder Chemielaborantin allen jungen Leuten empfehlen, die gerne Probleme lösen, sich für Naturwissenschaften und Technik interessieren, gerne exakt arbeiten sowie Spass an logischem Denken haben.

**«Das logischste aller Fächer»**
*Was fasziniert Sie an der Chemie?*
Thomas Stamm: Für mich war Chemie bestimmt das logischste aller Fächer. Diesen Eindruck einer logischen und zugleich schönen Naturwissenschaft verdanke ich nicht zuletzt einer engagierten Chemielehrerin (merci, Madame Curie!) und einem begabten Chemielehrer, die mir Erklärungen aufzeigten für Phänomene, die ich aus dem Alltag und meinem Chemiebaukasten kannte.
*Warum sollen junge Leute Chemie studieren?*
Stamm: Chemie ist für jene, die gerne einen Blick hinter die Kulissen werfen, die wie ich verstehen wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält, aber auch einfach staunen können über Natur- und Alltagsphänomene, eine spannende und höchst anregende Angelegenheit. Und wer einen Beitrag zur Lösung von vielen Gesellschaftsherausforderungen leisten möchte: Studiert Chemie!

**«Chemie ist extrem vielseitig»**
*Was fasziniert Sie an der Chemie?*
Adrian Thaler: Die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, die Nahrungsmittel, die wir essen, die Materialien, die uns umgeben, alles ist Chemie. Es ist die Stoffvielfalt, die mich fasziniert und die es dem Chemiker ermöglicht, bekannte Stoffe in neue umzuwandeln, die völlig andere Eigenschaften aufweisen und in der Landwirtschaft, Medizin, Industrie und in vielen anderen Bereichen angewandt werden können.
*Warum soll man Chemie studieren?*
Thaler: Die Tatsache, dass die Chemie bei praktisch allen grossen technologischen Herausforderungen eine zentrale Rolle spielt, sollte junge Leute motivieren, Chemie zu studieren und aktiv zur Lösung der anstehenden Probleme beizutragen. Chemie ist extrem vielseitig und bietet besonders in Verbindung mit anderen Wissenschaften ein unerschöpfliches Feld für entdeckungsfreudige junge Forscher.


**Schaffhauser Tag der Chemie**
Das Programm

Zeit und Ort
Der Schaffhauser Tag der Chemie findet heute von 10 bis 16 Uhr in der Kantonsschule Schaffhausen statt. Er steht der interessierten Öffentlichkeit offen. Angeboten werden Demonstrationen, Experimente und Ausstellungen. Es gibt betreute Mitmach-Experimente für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Vorträge und Filme. Vertreten sind neben der Kantonsschule verschiedene Chemiefirmen, das Interkantonale Labor Schaffhausen und die Naturforschende Gesellschaft.

Offizieller Teil
Dieser beginnt um 11 Uhr in der Aula des Altbaus mit Ansprachen von Regierungsrat Christian Amsler, Stadtpräsident Thomas Feurer und Marcus Cajakob von der Wirtschaftsförderung. Im Anschluss befragt Stefan Balduzzi Prof. Dr. Gerd Folkers zum Thema «Chemie – eine Wissenschaft ringt um ihr Image». «Chemische» Slam Poetry von Simon Chen, Musik und ein Apéro beschliessen diesen Teil.

Nobelpreisträger
Um 15 Uhr spricht in der Aula des Altbaus Nobelpreisträger Prof. Dr. Richard Ernst zum Thema «Mein Weg zur Chemie und darüber hinaus».

Kurzvorträge I
Im Raum 325 im Altbau finden folgende Kurzvorträge statt: 10 und 14 Uhr: Urs Weibel: Von der Sexparty bis zum Schafott, alles drin beim Ölkäfer. 10.30 und 13.30 Uhr: Ruth Böni: Spinat & Co. in der Turbo-Version – Chemiker als Gemüsetuner. 13 und 14.30 Uhr: Simone Hörtner: Kleider machen Leute – und verpackte Wirkstoffe bessere Medikamente.

Kurzvorträge II
Im Raum 326 des Altbaus finden folgende Kurzvorträge statt: 10 und 13 Uhr: Pirmin Ulmann: Die Sonne im Tank – Organische Solarzellen und Lithiumionen-Batterien. 10.30 und 13.30 Uhr: Erich Hammer: Der beste Chemiker ist die Natur.

Kurzvorträge III und Show
Im Raum 223 des Altbaus finden folgende Kurzvorträge statt: 10.30 Uhr: Jonas Bosshard: Die selbst reinigende Glasscheibe. 13.30 und 14.30 Uhr: Lisa Hartmeier: Röntgenkontrastmittel – wohin fliesst das? 10, 13 und 14 Uhr: Thomas Stamm: Die Show des Chemielehrers.

Demonstrationen
Trüb Emulsions Chemie: Imprägnierung von Papier. Heisssiegeln von Jogurthbechern. Entstehung einer Emulsion live. Kantonsschule: Stahlgiessen – Nuggets zum Mitnehmen, mit Rainer Steiger. Kantonales Labor: Lebensmittel und Aromen; GC-Sniffer: Sauber sniffen. Destillation von Aromen: Erst Dampf ablassen, dann Aroma fassen. Soxhlet-Extraktion: Willst du’s kompakt, nimm den Extrakt. Molekularküche: Die Küche als Chemielabor. Caramel: Zuckersüsse Chemie. «Kaviar»: Mal als fruchtige Delikatesse. Kochen mit flüssigem Stickstoff: Von Jogurth auf Glace in 8 Sekunden und Pralinen aus der Eiszeit.

Firmen
Folgende Firmen sind mit einem Stand vertreten: Merck & Cie, Cilag AG, Trüb Emulsions Chemie, BASF

Wettbewerb
Die Naturforschende Gesellschaft Schaffhausen führt einen Wettbewerb mit einer Preissumme von 5000 Franken durch.

Festwirtschaft
In der Mensa gibt es Grillspezialitäten, Würste, Salate, Snacks, alkoholfreie Getränke, Kaffee, Bier, Wein.

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13. Mai 2011 | Beim Thema Bier ist heute jeder ein Experte

Schaffhauser Nachrichten, Stadt Schaffhausen
Mark Schiesser

Ist jemand, der über Bier schreibt und keinen Bierbauch hat, überhaupt kompetent? Ja, wenn man sich dafür als Historiker ein Jahr lang Zeit nimmt, akribisch recherchiert und auch die Branche in der Geschichte verankert.
Während im Restaurant Falken die Gäste genussvoll ihre «Stange» konsumieren, bekommt man oben in der Lounge eine interessante Lektion zum Thema Gerstensaft. «Mit der Bezeichnung Stange ist lediglich die Glasform, nicht aber der Inhalt näher bezeichnet», erklärt Matthias Wiesmann, Zürcher Wirtschaftshistoriker mit Schaffhauser Wurzeln, und weist darauf hin, dass emanzipierte Biertrinkerinnen und -trinker zuerst nach der Biermarke oder deren Spezialitäten fragen sollten. Vor zwei Jahren fasste er den Entschluss, nach der Lizenziatsarbeit über Aufstieg und (Zer-)Fall der Brauerei Hürlimann einen Überblick über die Geschichte der Brauereien und des Bierkonsums in der Schweiz zu verfassen. «Ich wollte Wissenswertes mit Witzigem kombinieren. Das Buch sollte nicht streng wissenschaftlich sein, sondern auch Spass machen», erklärt der «Göttibueb» von Liedermacher Dieter Wiesmann. Ausserdem habe er herausgefunden, dass es nichts über diese Branche gibt. «Bei meinen Recherchen bin ich auch überall auf offene Ohren gestossen, denn beim Thema Bier ist heute jeder ein Experte.» In kleinen eingeschobenen Geschichten zeigt Wiesmann auch erstaunliche Begebenheiten und wissenswerte Details: von Bierdeckelsammlern, Felsenkellern, Eisgalgen, Kartellen und Familienunternehmen. Und auch Arnold Oechslins Werbeplakate oder besser Kunstwerke für die Brauerei Falken haben zur Freude von Grafiker Peter G. Ulmer, einem langjährigen Freund der Familie, ihren Platz im Buch gefunden. «Ich bin stolz, in dieser Branche arbeiten zu dürfen», freute sich Markus Höfler, Falken-Marketingverantwortlicher und Mitglied der Geschäftsleitung, beim Durchblättern. «Schliesslich sind auch wir seit 1799 ein Teil der Bierkultur.» Das reich illustrierte Buch ist ein etwas anderer Genuss, und das nicht nur für Liebhaber des Nationalgetränkes, bei dem man nur sagen kann: na dann, Prost!



Matthias Wiesmann Bier und wir. Geschichte der Brauereien und des Bierkonsums der Schweiz, Hier + Jetzt Verlag, April 2011, 260 Seiten mit über 200 Abbildungen, 58 Franken.

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28. April 2011 | Herzinfakt und Schlaganfall erkennen

herzinfakt_und_schlaganfall_erkennen.pdf

PAGITZ Mary, OSR.
Pflegedienstleitung
Chirurgische Univ. Kliniken
Anichstr. 35
6020 Innsbruck

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23. April 2011 | Kein Alkohol ist auch keine Lösung

Tages-Anzeiger, Analyse
ges

«Wer nicht raucht, lebt nicht länger; es fühlt sich bloss länger an.» Wer hat das schon wieder gesagt? War es George Bernard Shaw? Die Lakonik, die Eleganz, die gestaffelte Pointe: Alles würde zu ihm passen. Aber Shaw, der sich als Ire auch bei den Folgen des Alkoholismus auskannte und zudem Vegetarier war, fand das Rauchen ebenso ungesund wie das Trinken und redete zeitlebens dagegen an.
Er hatte ja recht. Trinken macht blöd und Rauchen tot. Aber das hat sich inzwischen herumgesprochen. Heute werden Alkohol- und andere Drogenprobleme immer früher, häufiger und lauter beschworen. Und nicht nur das: Es werden der Probleme immer mehr.

**Rausch, Ekstase, Osterbraten**
Denn wie eine grosse neue Studie zeigt, kann schon wenig Alkohol dem Körper schaden (TA vom 14. April). Man bekommt zwar weniger schnell einen Herzinfarkt, dafür riskiert man viele Sorten Krebs. Und was nicht Krebs erzeugt, macht dumpf (Fernsehen), depressiv (Ecstasy) oder einsam (Internet). Das gute Essen ist sowieso schlecht. Rausch, Ekstase und Osterbraten: Alles Gute ist ungesund, ausser Sex – und der ist dreckig, wenn man ihn ernst nimmt.
Das Problem liegt auch nicht mehr daran, was krankmacht, sondern wie das Krankmachende bekämpft wird. Gesundheitsvorsorge, Präventionsgesetz, vorbeugende Massnahmen, aufklärende Beratung, Vorbildfunktion, kostensenkendes Früherkennen, zielgerichtete Verhaltensänderung, Entzug, aushalten, Nein sagen, trockenbleiben, abgewöhnen, masshalten: Das klingt alles so mürb, so frömmlerisch vertrocknet, dass man gleich wieder zur Flasche greift. Aus dem Vokabular der Vorbeuger schrillt der Verzichtston der Religiösen, die zwar das Leben preisen, aber die Freude daran vermiesen. Dabei ist gerade die Lebensfreude ein Wort, das die Präventiven besonders gerne brauchen. Nur klingt es bei ihnen weder nach dem einen noch nach dem anderen.

**Der Himmel – so grau**
Wenn aber die Lebensfreude so verschrumpelt daherkommt, wenn sie ripscht wie Filz, schmeckt wie Kreide und aussieht wie Mutter Teresa: Dann fragt man sich, was an dieser Freude froh macht. Wenn eine Sucht die Hölle ist, warum ist der Himmel dann so langweilig? Und warum haben die Gesunden so wenig Humor? Wer das Internet nach Süchtigen absucht, wird mit Witz aus zwei Jahrtausenden belohnt. Wer nach den Gesunden fragt, bekommt Magersüchtige in Weiss. Jede Prävention aber, deren Botschaft nach dem Gegenteil ihrer Absicht klingt, muss scheitern; sie hat es nicht anders verdient.
«Es fühlt sich bloss länger an»: Das hat übrigens nicht Shaw gesagt, sondern Freud. Clement Freud, Sohn des Ernst, Bruder des Lucian, Enkel des Sigmund. 1924 in Berlin geboren und von seinen Eltern rechtzeitig nach England gebracht. Dortselbst als Sportjournalist, Restaurantbetreiber, Radiomann, Parlamentarier, Koch, Raucher, Weinkenner, Satiriker, Ehemann und fünffacher Familienvater aktiv. Warum er immer fetter werde, fragte ihn ein Freund. «Weil deine Frau jedes Mal für mich kocht, wenn ich mit ihr schlafe.» Clement Freud starb vor zwei Jahren; er wurde 84 Jahre alt.

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14. April 2011 | Ein Gläschen in Unehren

Tages-Anzeiger, Wissen
Felix Straumann

Zu viel Alkohol ist ungesund, das weiss jeder. Dass selbst moderater Konsum Krebs begünstigt, überrascht hingegen. Doch zu genau diesem Schluss kommt nun ein internationales Forscherteam, nachdem es die Daten von mehr als 360 000 Personen aus acht europäischen Ländern ausgewertet hat («British Medical Journal online»).
Demnach ist Alkoholkonsum für jeden 10.Krebsfall bei Männern und jeden 33. bei Frauen verantwortlich. Die Mehrzahl dieser alkoholbedingten Erkrankungen ist zwar gemäss Studie auf übermässiges Trinken zurückzuführen. Doch selbst weniger als ein bis zwei Glas Bier, Wein oder Schnaps pro Tag kann die Entstehung gewisser Krebsarten fördern. Das Risiko überwiegt dabei laut den Forschern selbst den möglichen Nutzen für Herz und Kreislauf, wie er vor allem beim Wein aufgrund von verschiedenen Studien seit einiger Zeit angenommen wird.
Die Krebsarten, die schon länger mit Alkoholkonsum in Verbindung gebracht werden, betreffen die Leber und den oberen Verdauungstrakt (Mund, Rachen, Speiseröhre, Kehlkopf). Neu hinzu gekommen sind vor wenigen Jahren Brust und Darm. Die jetzt von den Wissenschaftlern berechneten alkoholbedingten Anteile sind dabei vergleichbar mit Ergebnissen von ähnlichen Untersuchungen. Die relativ tiefen Werte bei Brust- und Darmkrebs fallen dabei in absoluten Zahlen stark ins Gewicht, da sie zu den häufigsten Krebsarten gehören. Brustkrebs ist bei Frauen gemäss Studie gar der häufigste Krebs aufgrund von Alkoholkonsum.

**Trinkempfehlungen überprüft**
«Studien zeigen schon länger, dass Alkohol Krebs auslöst – das Ausmass wird jedoch erst seit ein paar Jahren klar», sagt Manuela Bergmann vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam. Die nun publizierte Studie fand im Rahmen der seit 1994 laufenden Europäischen Ernährungsstudie Epic (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) statt und ist für Europa die detaillierteste Analyse zum Thema. Das Krebsrisiko berechneten die Wissenschaftler aus den Angaben zu Alkoholkonsum in Befragungen und dem Auftreten von Krebsfällen unter den Studienteilnehmern aus Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Grossbritannien, Italien, den Niederlanden und Spanien.
Neben der Häufigkeit von alkoholbedingtem Krebs untersuchten die Wissenschaftler, was heutige Trinkempfehlungen für das Krebsrisiko bedeuten. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) beispielsweise hält für gesunde Frauen 10 Gramm Alkohol pro Tag für gesundheitsverträglich, bei Männern 20 Gramm. Für Frauen entspricht dies 2,5 Deziliter Bier oder 1 Deziliter Wein, für Männer dem Doppelten.
Zwar zeigte sich, dass die meisten alkoholbedingten Krebsfälle mit übermässigem Konsum in Beziehung stehen (18 von 100 Krebsfällen bei Männern, 4 von 100 bei Frauen). Doch auch wer sich an die Empfehlungen hält, hat ein gewisses Risiko, wegen Alkoholkonsums an Krebs zu erkranken (3 von 100 Krebserkrankungen bei Männern, 1 von 100 bei Frauen). «Im Hinblick auf das Krebsrisiko gibt es keinen sicheren Grenzwert für den Alkoholkonsum», sagt Bergmann. Zwar seien die Risikowerte bei moderatem Trinken für den Einzelnen nicht besonders hoch, auf die ganze Bevölkerung gerechnet, betreffe es jedoch viele Menschen. In der Schweiz ist demnach mit rund 800 Krebsneuerkrankungen jährlich zu rechnen.
Interessant ist der Vergleich des Krebsrisikos mit den propagierten positiven Effekten von Alkohol. So zeigen verschiedene Studien, dass sich ein moderater Konsum positiv auf Lebenserwartung und Herz und Kreislauf auswirkt. Beispielsweise erschien vor wenigen Wochen im gleichen Fachblatt «British Medical Journal» eine Übersichtsstudie, die solche Effekte im Vergleich zu Nietrinkern fand. Im Fall von Wein ist auch die Rede vom «French Paradox», der Beobachtung, dass Franzosen trotz (oder eben: wegen) Alkoholkonsums länger leben als andere Europäer.
Die Autoren der Epic-Studie sind allerdings der Meinung, dass, wenn das Krebsrisiko und die positiven Herz-Kreislauf-Effekte einander gegenübergestellt werden, «der Nettoeffekt von Alkohol schädlich ist», auch bei niedrigen Mengen. «Alkohol sollte für die Herz-Kreislauf-Prävention oder zur generellen Verlängerung der Lebenserwartung nicht empfohlen werden», schreiben sie in ihrem Paper.

**WHO korrigiert Berichte**
Bergmann zweifelt grundsätzlich an den Studien, die bei moderatem Alkoholkonsum einen Präventionseffekt zeigen. «Moderate Trinker verfügen wahrscheinlich über andere gesundheitsfördernde Eigenschaften, die diese Studien verfälschen», glaubt die deutsche Wissenschaftlerin. Sie vermutet, dass diese Menschen in allen Bereichen moderater leben und deshalb gesünder sind. Zudem sind sie laut Bergmann häufig höher gebildet und sozial besser gestellt als der Durchschnitt. Auf der anderen Seite hat die Vergleichsgruppe der Nichttrinker möglicherweise Merkmale, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken, etwa eine zu rigide Lebensweise oder eine überwundene oder versteckte Alkoholsucht.
Mit ihrer Skepsis steht Bergmann nicht allein. So hat die Weltgesundheitsorganisation WHO diesen Februar in ihrem Statusbericht zur Alkoholproblematik die Bedeutung der Herz-Kreislauf-Prävention deutlich nach unten korrigiert im Vergleich zum Vorgängerbericht von 2004.
Das Thema Alkohol ist eine Gratwanderung zwischen Gesundheit und Lebenslust, das sieht auch Bergmann so. Für sie ist deshalb auch klar, dass es keinen Sinn hat, in Europa Abstinenz zu fordern. Bergmann: «Wir sind schon froh, wenn sich die Leute beim Trinken an die heutigen Empfehlungen halten.»
Na Prost: Schon das berühmte Glas Wein am Tag erhöht laut einer neuen Studie das Krebsrisiko.

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9. April 2011 | Schon wenig Alkohol kann Krebsrisiko steigern

Schaffhauser Nachrichten, Von Tag zu Tag
(dpa)

Eine eben veröffentlichte europäische Untersuchung weist darauf hin, dass schon kleine Mengen regelmässig konsumierten Alkohols die Gefahr von Krebs deutlich erhöhen. «Unsere Daten zeigen, dass viele Krebserkrankungen hätten vermieden werden können, wenn der Alkoholkonsum auf zwei Getränke täglich bei Männern und ein Getränk täglich bei Frauen beschränkt worden wäre. Das sind die Empfehlungen vieler Gesundheitsorganisationen», erläutern die Autoren der Studie. Sie veröffentlichten ihre Ergebnisse in der neuesten Ausgabe des «British Medical Journal». Die Grenzmenge liegt demnach bei 24 Gramm Alkohol pro Tag für Männer und 12 Gramm für Frauen. Das entspricht etwa eineinhalb Flaschen Bier für Männer und einem kleinen Glas Weisswein für Frauen.
360 000 Probanden nehmen teil
Laut Studie ist derzeit jede zehnte Krebserkrankung bei Männern und eine von 33 bei Frauen durch Alkoholkonsum zumindest begünstigt. Dabei geht es um bösartige Tumore in der Mund- und Rachenhöhle, an den Stimmbändern und in der Speiseröhre sowie um Darm- und Leberkrebs. Die Untersuchung ist Teil einer Langzeitstudie in Bezug auf den Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebs (European Prospective Investigation of Cancer). Daran nehmen etwa 360 000 Probanden aus Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Grossbritannien, den Niederlanden, Griechenland und Dänemark teil. Die Studie war in den 1990er-Jahren begonnen worden. «Die Menschen trinken heute sogar noch mehr, und das könnte dazu führen, dass noch mehr alkoholbedingte Krebserkrankungen auftauchen», sagte Autorin Naomi Allen von der Universität Oxford.

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15. März 2011 | Schwarze Null statt eines schwarzen Lochs

Schaffhauser Nachrichten, Region
Robin Blanck

Schon länger sorgen die fünf Restaurantbetriebe im Besitz der Stadt (Theaterrestaurant, «Altes Schützenhaus», «Alter Emmersberg», Park Casino, Weinstube zum kleinen Käfig) für Diskussionen: Häufige Pächterwechsel, geringe Erträge und ein wachsender Investitionsbedarf liessen immer wieder die Frage auftauchen, ob die öffentliche Hand an ihren Lokalen festhalten soll oder nicht. Mit einer jetzt an das Parlament überwiesenen Vorlage zeigt der Stadtrat auf, wie es in Zukunft mit seinen Gastrobetrieben weitergehen soll. Fazit: In das Gros wird investiert, ein Betrieb soll im Baurecht abgegeben werden.

**Schwarze Null mit fünf Betrieben**
Die fünf Betriebe und die dafür notwendigen Investitionen sollen die Stadt nichts kosten: Das ist das von Baureferent Peter Käppler formulierte Ziel. Um das zu erreichen, untersuchte ein externer Experte die Lokale im Auftrag der Stadt: 50 000 Franken hat dieses nicht öffentliche «Gastronomiekonzept» gekostet. In drei Betriebe soll investiert werden: Das Theaterrestaurant sieht der Stadtrat als Ergänzungsbetrieb zum Stadttheater an und will dieses attraktive Lokal an zentraler Lage behalten. Aber: In den letzten Jahren war der Umsatz zu tief, das soll sich jetzt ändern – nach Investitionen von 230 000 Franken. Deutlich mehr Geld will der Stadtrat für das Park Casino in die Hand nehmen: Die Umsätze des Betriebes mit herrlicher Parkanlage sind stabil, dennoch will die Stadt das Casino als Kongressstandort neu positionieren. Im kommenden Jahr sollen 250 000 Franken, 2014 ebenso viel und 2016 weitere 800 000 Franken in den Betrieb fliessen, macht total 1,3 Millionen Franken. Das «Alte Schützenhaus» schliesslich gehört wie die beiden anderen genannten Lokale zu den «Restaurants mit hoher Bedeutung». Im Jahr 2013 will die Stadt für bauliche Massnahmen rund 1,1 Millionen Franken einsetzen, 2015 140 000 Franken und 2018 nochmals 390 000 Franken. Unter dem Strich: 1,6 Millionen. Insgesamt belaufen sich damit die Investitionen auf 3,1 Millionen. Die heutigen Mindesteinnahmen für die Stadt setzen sich zusammen aus den Umsatzbeteiligungen respektive der Fixmiete: Das Theaterrestaurant bringt ab dem dritten Jahr mindestens 78 000 Franken (Sockelmiete und Umsatzbeteiligung), das Park Casino 50 000 Franken (Umsatzbeteiligung), das «Alte Schützenhaus» 75 000 (Umsatzbeteiligung) und die Weinstube 12 000 Franken (Fixmiete). Dazu kommt noch der Baurechtszins vom «Alten Emmersberg», sodass unter dem Strich Einnahmen von mindestens 235 000 Franken an die Stadt fliessen. Die Stadt rechnet damit, dass diese Mindestbeträge durch gute Leistungen übertroffen werden können und die Restaurants so jährlich rund 270 000 Franken abwerfen.

**«Emma» als Baurecht**
Als entbehrlich betrachtet wird der «Alte Emmersberg»: Die Pachterträge sind «stetig sinkend», der Investitionsbedarf hingegen gross. Nur: Die unumgänglich gewordene Sanierung (innen und aussen) würde mit 1,6 Mio. Franken zu Buche schlagen – Geld, das die Stadt derzeit nicht hat. Gleichwohl will die Stadt den leer stehenden Betrieb, der bis zur Fertigstellung des Künzle-Heim-Neubaus als Heimküche diente, als Quartierrestaurant erhalten: Deshalb soll die «Emma», wie das Lokal auch liebevoll genannt wird, bis im Sommer 2011 mit einer entsprechenden Auflage an einen Baurechtsnehmer abgegeben werden. Der zu erwartende jährliche Baurechtszins wird mit 20 000 Franken beziffert. Im Kern der Anstrengungen steht das Ziel, die Rentabilität langfristig zu steigern. Gleichzeitig aber agiert die Stadt in der Restaurant-Frage auch nach der von ihr formulierten Immo-Strategie: Die Stadt behält Gastrobetriebe, sofern deren Lage strategisch wichtig ist und sie damit Einfluss auf die Quartier- und Stadtentwicklung nehmen kann. Abzuwarten bleibt, wie der Grosse Stadtrat auf die Vorschläge reagiert: Jüngst hat der Stadtrat im Parlament harsche Kritik für mehrere Immobilienvorlagen einstecken müssen.

**Theaterrestaurant Investieren**
Das repräsentative Restaurant im Herzen der Schaffhauser Altstadt ist betrieblich eng verflochten mit dem Stadttheater. Das Lokal ist bekannt für seine Qualität und verfügt über eine Terrasse. Die Pachterträge waren in den letzten Jahren zu tief. Massnahmen: Die Stadt will Unterhaltsarbeiten in der Küche und Verbesserungen im Eingangsbereich realisieren, dazu die Restaurant- und Gartenmöbel erneuern. Kosten: 230 000 Franken.

**Park Casino Relaunch**
Wichtiges Lokal für Veranstaltungen und Tagungen in einem umfangreichen Grundstück in der Freihaltezone. Das bekannte Lokal weist stabile Umsatzzahlen auf, es mangelt aber an Parkplätzen, das Foyer muss aufgewertet werden, die Abläufe sind nicht optimal. Massnahmen: Das Casino wird als Kongressstandort neu lanciert, infrastrukturelle Anpassungen und Aufwertungen werden realisiert. Kosten: 1,3 Millionen Franken bis 2016.

**Altes Schützenhaus Investieren**
Der Betrieb auf der Breite ist Lokal für Vereine und Parteien und «somit im öffentlichen Interesse». Als Stärke hebt die Stadt die Akzeptanz, die heterogene Kundschaft und die Erreichbarkeit hervor, negativ bewertet werden der Zustand bezüglich Infrastruktur und der bauliche Zustand. Der Umsatz war bisher leicht steigend. Massnahmen: Umfangreiche Sanierungsarbeiten im ganzen Gebäude bis 2018. Kosten: 1,6 Millionen Franken.

**Zum kleinen Käfig Erhalten**
Das Lokal liegt in einem städtischen Gebäude in der Fussgängerzone und damit an guter Lage, gleichwohl wird es als «nicht von öffentlichem Interesse» taxiert. Als Schwäche gelten das Erscheinungsbild sowie der bauliche und infrastrukturelle Zustand. Verpachtet ist es für eine Fixmiete. Massnahme: Bis zu einem möglichen Verkauf des ganzen Hauses soll das Lokal erhalten bleiben, nur der ordentliche Gebäude- und Geräteunterhalt wird durchgeführt.

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8. März 2011 | Das letzte Glas in der alten «Tanne»

Schaffhauser Nachrichten, Schaffhausen / Neuhausen
Martin Schweizer

Die über Schaffhausen hinaus bekannte und beliebte Wirtsstube war seit bald fünfzehn Jahren nur noch am Samstagvormittag, ab halb zehn bis zwölf Uhr, geöffnet. Ein Stammgast, meist Albert Ineichen, holte jeweils den Wein aus dem Keller, Fräulein Zimmermann machte den Service – bis, ja, bis am vergangenen Samstag, als den Gästen ohne Vorwarnung mitgeteilt wurde, dass die Wirtschaft fortan definitiv geschlossen bleiben würde.

**Alles hat ein Ende**
Es musste eines Tages so kommen, Margrit Zimmermann, die sich bis heute gern altmodisch mit «Fräulein» anreden lässt, hat Beschwerden; sie ist nicht mehr so gelenkig und so flott auf den Beinen wie einst im Mai, was in ihrem Alter nicht wirklich verwundern kann. Trotzdem zeigten sich die meisten Gäste, die treuen und die sporadisch auftauchenden, überrascht und konsterniert, dass nun alles ein Ende haben soll.
Eine «Hiobsbotschaft» seis gewesen, sagte ein Gast und sprach aus, was wohl viele Besucher des schlichten und irgendwie zeitlos wirkenden Lokals dachten. Man gewöhnt sich eben an regelmässige Zusammenkünfte mit vertrauten Gesichtern, an gesellige Stammtische, die manchmal den Charakter von Ritualen bekommen. Das Bedauern über die Schliessung der «Tanne» war deshalb gross, wie auch Fotograf Rolf Wessendorf am Samstag beim letzten Glas feststellen konnte.

**Kein Rummel um Person**
Er hat die «Tanne» und ihre Gäste über Jahre hinweg begleitet und porträtiert. Ein langjähriger Gast und Freund der Gastgeberin war auch Ernst Rahm-Kunz, der gestern am Telefon von allzu grosser Publizität abriet, Margrit Zimmermann schätze den Rummel um ihre Person nicht. Tatsächlich ist die bald 93-jährige Wirtin bekannt als eine bescheidene, zurückhaltende und zugleich liebenswürdige Person, die nie im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen wollte. Andererseits ist die von der Familie Zimmermann seit 1912 geführte «Tanne» in Schaffhausen mittlerweile eine Institution, die man nicht übersehen kann – und nicht ignorieren darf, zumal die Stadt Schaffhausen eine Option auf die altehrwürdige Liegenschaft hat.

**Kleine Leibrente**
Laut einem bereits 1998 abgeschlossenen Vertrag wird die Stadt Besitzerin der «Tanne», sobald Margrit Zimmermann, die keine erbberechtigte Nachkommen hat, das Haus verlässt – eine grosszügige Geste. Die Stadt hat sich im Gegenzug verpflichtet, Fräulein Zimmermann eine kleine Leibrente auszurichten. Eine weitere Klausel besagt, dass die Einwohnergemeinde das «historische Cachet» des Hauses auch nach der Schliessung des Restaurants erhalten muss.

**Nicht ins Altersheim**
Wie das geschehen soll, ist offen – und muss im Moment auch nicht entschieden werden. Denn Gewährsleute wollen wissen, dass Fräulein Zimmermann noch keineswegs beabsichtigt, ins Altersheim zu ziehen. Vorläufig wohnt sie weiterhin an der Tanne, und das, so ist zu hoffen, noch lange über ihren jetzt erlangten und wohlverdienten Ruhestand hinaus.



Nicht nur die Stammgäste waren treu, auch sie hielt ihren Gästen über Jahre und Jahrzehnte die Treue: Fräulein Zimmermann, die bescheidene und liebenswürdige Wirtin der «Tanne», die am Samstag das letzte Glas ausschenkte.
Archivbild Bruno Bührer

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7. März 2011 | “weggeschaut”

Die Beiträge des Kurzfilmwettbewerbs der Stiftung “Scaphusia-Preis” “weggeschaut” sind nun auf den Internetseiten der Kantonsschule Schaffhausen verfügbar: http://kanti.ch/Weggeschaut.10183.0.html.

Siehe auch den Bericht im “Litteris et Amicitiae” 1-2011.

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3. März 2011 | Nachgefragt

Schaffhauser Nachrichten, Stadt Schaffhausen
Interview: Erwin Künzi

Am letzten Samstag hat die Kantonsschule Schaffhausen im Rahmen des Alumnitags als erste Schule in der Schweiz alle, die vor einem Jahr bei ihr die Maturitätsprüfung abgelegt hatten, eingeladen und erhob per Fragebogen ihre Erfahrungen an der Schule (siehe SN vom 28. Februar). Aus diesem Anlass erklärte Rektor Urs Saxer: «Wir haben die teuersten Maturanden der Schweiz.»

*Urs Saxer, wie kommen Sie zu dieser Aussage?*
Saxer: Im jüngsten Bildungsbericht 2010 wird der Kanton Schaffhausen mit den höchsten durchschnittlichen Ausgaben pro Schüler im Gymnasium aufgeführt (Zahlen 2005), nämlich mit rund 25000 Franken pro Jahr. Das heisst, im Jahr 2005 haben wir auf der «Inputseite» von allen Kantonen in der Schweiz am meisten in unsere Kantonsschüler investiert.

*Was sind die Gründe dafür, dass Schaffhausen diesen Spitzenplatz belegt?*
Saxer: Die Differenzen zwischen dem «teuersten» Kanton (Schaffhausen) und dem «billigsten» (Waadt) sind enorm (60 Prozent der Durchschnittskosten) und lassen sich – gemäss den Autoren des Bildungsberichts – auch nicht einfach erklären. Es stehen verschiedene Vermutungen im Raum, der einzige Faktor in einem messbaren Zusammenhang mit den Ausgaben ist die Zahl der Lektionen pro Jahr. Und hier ist der Kanton Schaffhausen auch Spitzenreiter: Mit knapp 1500 Lektionen pro Jahr erhalten die Schülerinnen und Schüler an der Kantonsschule am meisten Unterrichtszeit geboten.

*Leiten Sie aus diesem Spitzenbetrag einen Handlungsbedarf ab?*
Saxer: Aus meiner Sicht besteht permanenter Handlungsbedarf in dem Sinne, dass man die Ergebnisse dieser Investitionen («Outputseite») genau im Auge behalten muss. Und das ist nicht ganz einfach. Wir bemühen uns im Rahmen unserer Alumnitage, die Erfahrungen unserer Abgängerinnen und Abgänger einzuholen. Dazu haben wir mit den Autoren des Bildungsberichts 2010 eine Längsschnittbefragung ausgearbeitet. Dabei wollen wir Rückmeldungen zu den erworbenen Kompetenzen an der Kantonsschule Schaffhausen und deren Stellenwert in weiterführenden Ausbildungsgängen ermitteln, um Rückschlüsse auf Qualität, Angemessenheit und Effizienz unseres Unterrichts ziehen zu können. Entscheidend ist schliesslich das Preis-Leistungs-Verhältnis. Und wir wollen bei den Leistungen zu den Besten gehören.

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28. Februar 2011 | Die Schaffhauser Kanti geht neue Wege

Schaffhauser Nachrichten, Die andere Seite
Alfred Wüger

«Wir haben die teuersten Maturanden der Schweiz», sagte Urs Saxer in seiner Begrüssung der jungen Frauen und Männer, die vor knapp einem Jahr die Maturitätsprüfung abgelegt haben, «aber wir bieten auch mit Abstand am meisten Unterrichtsstunden an.» Und das sei gut so, denn: «Je mehr Lektionen, desto besser die PISA-Werte.» Dennoch könne die Kanti nicht einfach weitermachen wie bisher, denn im Umgang mit Bildungspolitikern brauche es handfeste Argumente. Deshalb die Befragung Ehemaliger. Die Schaffhauser Kanti ist schweizweit die erste Schule, die das tut. Ziel: «Wir wollen euch fragen, was wir besser machen können. Ihr könnt das am besten beurteilen.» Und dann sassen die Ehemaligen in ihren ehemaligen Schulzimmern und füllten den Fragebogen aus. Anabel Da Pra, angehende Religionswissenschaftlerin: «Wir tragen Verantwortung für kommende Schülergenerationen.» Johanna Mattern und Carola Schabert, die zurzeit im Service arbeitet, pflichten bei. Ohne grosse Motivation füllen Leonie Eaton und die künftigen Medizinstudierenden Aline Bürgin und Gianluca Di Deo den Fragebogen aus: «Dieser Alumni-Tag ist wie eine Klassenzusammenkunft, die wir nicht selber organisieren mussten.» Christoph Werner findet den Fragebogen gut. «Es hat bis jetzt noch nie jemand gefragt, wie wir die Schule finden.» Die Naturwissenschaften seien sehr gut aufgestellt, finden Andri Weber und auch der Biochemiestudent Jonas Fischer. Die Wahl der Studienrichtung hänge von den schulischen Fähigkeiten, der familiären Herkunft, dem sozialen Umfeld, persönlichen Motiven sowie allenfalls einer Kosten-Nutzen-Rechnung ab, hatte Urs Saxer gesagt, der selber auch einmal die Studienrichtung gewechselt hat. Und Prorektor Thomas Stamm: «Der Druck auf die Schule darf uns nicht einengen.» Eine umfassende Bildung ist eben nur in Freiheit möglich.

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22. Februar 2011 | Schweizer Bierbrauer unter Druck

Schaffhauser Nachrichten, Wirtschaft
Reto Wäckerli

Rheinfelden Feldschlösschen hat eigentlich keinen Grund zum Klagen. Beinahe jedes zweite Bier, das in der Schweiz getrunken wird, reifte in einem Gärtank des Schweizer Marktführers. Und doch herrscht leichte Katerstimmung: Der Bierumsatz in Franken ging letztes Jahr um 1,7 Prozent zurück; die verkaufte Menge in Litern reduzierte sich um 0,3 Prozent. Detailliertere Zahlen veröffentlicht das Tochterunternehmen des dänischen Carlsberg-Konzerns nicht. Ähnlich durchzogen tönt es bei Heineken Switzerland, der Nummer zwei im Schweizer Markt: Der Umsatz mit den drei Kernmarken Eichhof, Calanda und Haldengut war laut einer Sprecherin leicht rückläufig; besser gelaufen sei hingegen der Verkauf der Sorten Heineken, Ittinger Klosterbräu sowie Desperados.
Die Katerstimmung bei den beiden Marktführern überrascht. Denn insgesamt wurde 2010 in der Schweiz volumenmässig ein Prozent mehr Bier verkauft als im Vorjahr. Allerdings konnten die einheimischen Brauereien – und dazu zählen auch die Schweizer Tochtergesellschaften der globalen Giganten Carlsberg und Heineken – 0,5 Prozent weniger Bier absetzen. Der Import von ausländischem Bier nahm hingegen um 6,7 Prozent zu. Mittlerweile kommt jedes fünfte Bier, das in der Schweiz getrunken wird, aus dem Ausland. Vor zehn Jahren war es erst jedes siebte. «Das macht uns zu schaffen», sagt Feldschlösschen-Sprecher Markus Werner. Bei Feldschlösschen erklärt man sich die Zunahme der Importe unter anderem mit den Überkapazitäten bei den deutschen Brauereien. «Um ihre Anlagen auszulasten, brauen sie eine zu grosse Menge – und setzen diese dann zu einem tiefen Preis in der Schweiz ab», sagt Werner. «Über 50 Prozent des importierten Biers ist Dosenbier – also vielfach Billigbier», sagt auch Marcel Kreber, Direktor des Schweizer Brauerei-Verbands. Dieses Bier werde vor allem über den Detailhandel verkauft, der als Absatzkanal immer wichtiger werde. «Dort folgt Tiefpreisaktion auf Tiefpreisaktion.»

**Der Stammtisch stirbt aus**
In den Restaurants, die traditionellerweise Schweizer Gerstensaft ausschenken, werde hingegen weniger Bier verkauft. «Die Rauchverbote und die angespannte Wirtschaftslage zeigen Wirkung», sagt Kreber. Unter Druck sei das Schweizer Bier aber auch, weil die Generation der Stammtisch-Biertrinker am Aussterben sei. Hinzu kämen die Einwanderer: «Es kann ihnen niemand verübeln, dass sie auch in der Schweiz ihr bisheriges Lieblingsgetränk aus der Heimat trinken wollen.» Dieser Prozess werde von den Detailhändlern unterstützt, indem sie etwa Bier aus dem Balkan importierten. Die Schweizer Brauer hoffen, dass sich das Blatt wendet: Ein Vorteil sei, dass in der Schweiz seit einem Jahr TV-Werbung für Bier geschaltet werden dürfe. «Das war für uns bis anhin ein Wettbewerbsnachteil gegenüber der Konkurrenz aus Deutschland, die im deutschen Fernsehen vor jeder Sportsendung auf ihre Produkte hinweisen konnte.» Ausserdem verweist Marcel Kreber auf «die stattliche Biervielfalt» in der Schweiz. Die 16 Brauereien, die beim Brauerei-Verband Mitglied seien, hätten über 300 verschiedene Biermarken im Sortiment. «Diese Vielfalt gilt es zu entdecken.» Denn eines ist für Kreber keine Frage: Der Rückgang des Schweizer Biers gegenüber dem ausländischen habe nichts mit der mangelnden Qualität des einheimischen Gerstensafts zu tun: «Unsere Braukultur hat Tradition.»

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22. Februar 2011 | Kopieren/einfügen an der Kanti

Schaffhauser Nachrichten, Region
Daniel Jung

Im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen den deutschen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der bei seiner Doktorarbeit mehrere Textteile undeklariert übernommen haben soll, wird derzeit wieder intensiv über Plagiarismus diskutiert – wenn Verfasser von wissenschaftlichen Texten Ideen und Formulierungen übernehmen, ohne die Quelle anzugeben. Wir haben uns erkundigt, wie das Berufsbildungszentrum (BBZ) und die Kantonsschule damit umgehen.
«In einer Schule wie der unseren wird mit nichts anderem gearbeitet, als mit geistigem Eigentum von anderen», erklärte Ernst Schläpfer, Rektor des BBZ. Schläpfer geht davon aus, dass abgekupferte Passagen in Arbeiten regelmässig vorkommen, sieht dies jedoch auch als Teil des Lernprozesses. Schlimm sei es, wenn ganze Seiten oder Kapitel ohne Quellenangabe verwendet würden. Solch grosse Abschnitte seien aber oft relativ leicht erkennbar, weil sie sich sprachlich vom Rest abheben. Falls im Internet abrufbar, liessen sich solche Teile auch relativ einfach von der Lehrperson bestimmen. «In solchen Fällen gibt es Notenabzug oder – das finde ich weit empfehlenswerter – sogar die Rückweisung der Arbeit», so Schläpfer. Speziell heikel ist die Frage des Plagiats bei der Matura-Arbeit zum Abschluss der Kantonsschule, weil Aufwand und Anspruch hoch sind. In Paragraf 30 der Promotions- und Maturitätsverordnung heisst es: «Schülerinnen und Schüler, denen ein Plagiat oder die Verwendung unerlaubter Hilfsmittel nachgewiesen wird, werden nicht zur Maturitätsprüfung zugelassen.» An der Kanti gab es seit Einführung der Matura-Arbeit vor zehn Jahren bisher aber nur einen konkreten Plagiatsvorwurf. Obwohl dieser vom Schüler abgestritten wurde, konnte das Plagiat nach dem Einreichen der Arbeit nachgewiesen werden. «In diesem Fall wurde der Schüler aufgrund der expliziten Lüge von der Kantonsschule ausgeschlossen», erklärte Rektor Urs Saxer. Wie die Zeitung «Sonntag» berichtete, verwenden immer mehr Gymnasien eine Anti-Plagiats-Software zur Überprüfung von Matura-Arbeiten, etwa in den Kantonen Zürich und Thurgau. Angesichts der intensiven Betreuung an der Kanti Schaffhausen seien solche technischen Mittel in Schaffhausen aber nicht nötig, findet Saxer: «Aufgrund unseres Betreuungskonzepts drängt sich ein Einsatz einer entsprechenden Software aus meiner Sicht nicht auf», erklärte der Kanti-Rektor. So verzichtet die Schule bei der Bewertung von Matura-Arbeiten auf eine standardisierte elektronische Kontrolle. «Diese Arbeiten werden sehr eng betreut», erklärte Saxer. Durch die regelmässigen Zwischenbesprechungen sei die Entstehung der Arbeiten gut einsehbar. «Insofern können wir bereits während des Entstehungsprozesses allfällige Passagen, welche vermutlich nicht korrekt zitiert werden, direkt ansprechen», so Saxer.

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8. Februar 2011 | Die Geschichte der Scaphusia in Bildern

Schaffhauser Nachrichten, Region
von Zeno Geisseler

Vor zwei Jahren hat die Schaffhauser Mittelschulverbindung Scaphusia ihr 150-Jahr-Jubiläum begangen. Jetzt hat die Verbindung eine umfangreiche Festschrift veröffentlicht, welche die Scaphusia in einem neuen Licht erscheinen lässt, und dies wortwörtlich: im Zentrum steht das Bild. Jeder einzelne der über 1000 historisch verbürgten Scaphusianer sollte mindestens einmal abgebildet werden. Dies war das erklärte Ziel, das sich der Altherrenverband bereits 2002 gab. Er verabschiedete sich damit bewusst vom üblichen Modell der Jubiläumschronik, welche im Wesentlichen die Geschichte der Korporation von den Anfängen bis zur heutigen Zeit nacherzählt. Die Verbindung hatte schon zu vier früheren Jahrestagen eine jeweils aufdatierte Vereinsgeschichte publiziert. Eine Ausgabe ähnlichen Zuschnitts erachteten die Farbenbrüder nicht als sinnvoll.

**Altes und Neues**
Entstanden ist ein aufwendig gestalteter Bildband, der nicht nur für die Mitglieder der Verbindung von Interesse ist. Auch wenn man die meisten der abgebildeten Personen nicht kennt, erkennt man beim Durchblättern der Porträts, Zeichnungen und Momentaufnahmen, wie sich das Selbstverständnis von jungen Mittelschülern über die Jahrzehnte wandelte und wie sich die Verbindung, trotz aller Traditionen, über die Zeit entwickelte. Die Requisiten veränderten sich, die Kleidung, die Frisuren. Es wird aber auch deutlich, was in all den Jahren gleich geblieben ist: die Kameradschaft und Freundschaft, Band und Mütze, natürlich die Rolle des Biers, die Lebenslust der Jugend und der Schalk, aber auch der Stolz und das Selbstbewusstsein der Scaphusianer. Nicht zuletzt ist die Bilderchronik der Scaphusia auch eine Dokumentation der technischen Entwicklung der Fotografie: In den ersten Jahren der Verbindungsgeschichte war es sehr teuer und aufwendig, sich ablichten zu lassen, entsprechend selten (und im Fotostudio gestellt) sind die wenigen Aufnahmen aus dieser Zeit. Doch schon um die Jahrhundertwende gab es Kameras für den Massenmarkt, und Kodak hatte den Rollfilm erfunden. Bilder der Scaphusia gab es nun nicht mehr nur aus dem Studio, die Aktivitas in Vollwichs, mit Fahne und Rapieren, sondern auch von Bummeln auf dem Lande, von Ausflügen mit dem Weidling auf dem Rhein und sogar (bereits 1894) von einem Nachmittag in der Rhybadi, die jungen Farbenbrüder nur in erstaunlich modern wirkende Shorts bekleidet und mit Band und Mütze geschmückt. Das Zusammentragen der Aufnahmen war ein aufwendiger Prozess. Eine Projektgruppe unter der Leitung von Staatsarchivar Roland E. Hofer v/o Ortho erfasste die Archivbestände digital, zudem wurden auch die Alten Herren eingeladen, Aufnahmen aus ihren privaten Fotoalben zur Verfügung zu stellen. Insgesamt kamen so über 3000 Fotos zusammen, aus welchen die Aufnahmen für den Bildband zusammengestellt werden konnten. Das Ziel, alle 1052 Farbenbrüder abzubilden, wurde annähernd erreicht. Im Band finden sich Aufnahmen von 962 Scaphusianern.

**Vorbild aus Basel**
Naturgemäss fehlen vor allem von ganz frühen Generationen Fotos. Die erste Porträtaufnahme stammt von 1866 oder 1867, genau lässt sich das nicht mehr eruieren. Verbürgt ist aber ihre Entstehungsgeschichte: Die junge Schaffhauser Verbindung besuchte die (ebenfalls auch heute noch existierende) Mittelschulverbindung Paedagogia Basiliensis in Basel und kehrte schwer beeindruckt in ihre Heimatstadt zurück. Angetan hatten es ihr vor allem die Fotografien an den Wänden der Bude der Basler. Am 24. Februar 1866 fasste die Aktivitas den Beschluss, sich ebenfalls fotografieren zu lassen, wobei die jüngeren Mitglieder sich anerboten, die beträchtlichen Kosten dafür zu tragen. Diese erste Aufnahme ist der Auftakt zu einer Bilderreise bis in die heutige Zeit. Der Band wurde chronologisch aufgebaut, jede Generation erhält also ihre eigene(n) Seite(n). Die Bilder sind mit den Verbindungsnamen der Abgebildeten beschriftet, zudem werden wichtige historische Ereignisse in Stichworten erwähnt. Diese Gegenüberstellung ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Sie unterstreicht erstens, wie lange es die Scaphusia schon gibt, zweitens erhält man eine Vorstellung davon, welche Ereignisse die jungen Studenten damals wohl beschäftigten. Dazu reicht nur schon ein Blick auf die Geschehnisse in den Jahren 1866 bis 1872: Einweihung des Moserdamms in Schaffhausen, Russland verkauft Alaska an die USA, Karl Marx veröffentlicht «Das Kapital», die IWC wird gegründet, der Suezkanal wird eröffnet, der Bahnhof Schaffhausen wird eingeweiht, Deutschland und Frankreich im Krieg, Baubeginn des Gotthard-Tunnels. In einem zweiten Teil kommen die Generationen zu Wort, die seit dem 125-Jahr-Jubiläum 1983 der Verbindung beigetreten sind. Damit wird eine Tradition fortgesetzt, die bei der damals veröffentlichten Festschrift ihren Anfang genommen hatte. Die Schilderungen sind naturgemäss subjektiv, sie bieten aber einen guten Eindruck davon, was es in den letzten 25 Jahren hiess, Mitglied der bedeutendsten Verbindung auf dem Platz Schaffhausen zu sein. Abgerundet wird die Festschrift mit Texten und Bildern über das Jubiläumsfest von 2008. Alles in allem ist der Jubiläumsband ein gelungenes Beispiel dafür, wie man die Geschichte einer traditionellen Vereinigung auf eine neue Art und Weise erfassen kann.

*Fokus Scaphusia: Eine Verbindungsgeschichte in Bildern, herausgegeben im Auftrag des Altherrenverbands der Scaphusia Schaffhausen. Das Buch kann im Buchhandel nicht erworben werden, es ist aber in den Bibliotheken und in den Archiven einsehbar.*



**Nomen est omen**
Wie man in der Scaphusia heisst

Das Jubiläumsbuch zeigt nicht nur in Bildern, wie sich eine Verbindung entwickelt, sondern auch mit einem Index nach Cerevis, also den Übernamen, welche die Verbindungsmitglieder erhalten haben. Auffallend häufig erscheinen Namen aus der Bibel («Goliath», «Hiob», «Esau», sogar «Eva»), aus der griechischen und der römischen Mythologie und Geschichte («Ajax», «Caligula», «Paris», «Pan» und natürlich «Amor» und «Bacchus»), aus der Literatur («Falstaff», «Tasso», «Winnetou», «Romeo»), in Anlehnung an Getränke («Chianti», «Sekt», «Schampus»), sowie beschreibende Namen («Gispel», «Flink», «Flott», «Fidel»). Bemerkenswert ist, dass die jüngeren Generationen (nach 2000) eher zu althergebrachten Namen neigen wie «Zeus», «Ratio», «Fesch» und «Schwank». Englische Bezeichnungen aber, die man eher in der Generation «Facebook» erwarten würde, sind selten. «Flirt» etwa hiess zum letzten Mal ein Scaphusianer der Generation 1920. Das beliebteste Cerevis stammt übrigens aus dem Reich der Tiere: Neun Farbenbrüder wurden auf den Namen «Spatz» getauft (der letzte allerdings in der Generation 1930). (zge)




Die erste Porträtaufnahme der Scaphusia, entstanden 1866/67. Der Fotograf war Alphonse Tronel, der 1861 das erste Fotoatelier in der Stadt Schaffhausen eröffnet hatte.


Fuxenbummel Diessenhofen, 1926.


Generationen 1983 und 1984. Hinten André Lorenzetti v/o Domingo, Urban Brütsch v/o Wipfel, vorn Mario Elser v/o Pfoschte, Guido Facchani v/o Capo, Richard Habenberger v/o Hyperion.


Weidlingsfahrt nach Diessenhofen, 2006. José Krause v/o Drift, Florian Theiler v/o Pronto, Raphael Iff v/o Brevis, Julian Kraft v/o Ferox, Till Aders v/o Zauder, Andreas Schirrmacher v/o Recte, Andreas Wüscher v/o Codex und Mattias Greuter v/o Bilbo.

Bilder aus dem besprochenen Band.



Originalseite aus den Schaffhauser Nachrichten als PDF (384 KB)

#Allgemeines

28. Januar 2011 | Kanti: Grösste Fotovoltaikanlage der Stadt eingeweiht

Schaffhauser Nachrichten
Daniel Jung

«Die Nutzung der Sonne ist ein Muss», sagte Regierungspräsident Reto Dubach gestern an der Einweihung der grossen Fotovoltaikanlage, die in den letzten Monaten auf den Flachdächern der Kanti installiert wurde. Nun sind der Förderer-Neubau, die Förderer-Turnhalle und der Mensa-Erweiterungsbau mit modernen Fotovoltaikmodulen ausgestattet. Insgesamt 1272 Quadratmeter umfasst die Anlage, die einen geschätzten Jahresertrag von 75 000 kWh leisten und somit rund 15 Prozent des gesamten Kantonsschulverbrauchs decken soll. Neben Elektrizität wird die Anlage für die Kantonsschule aber auch Stoff für Lektionen oder Projektarbeiten liefern. Schon im nächsten März werden zwei Maturarbeiten präsentiert, die sich mit dem Thema Fotovoltaik und Energieeffizienz befassen. «Die neue Anlage passt gut in das Kanti-Konzept der nachhaltigen und ökologischen Entwicklung», sagte Kanti-Prorektor Thomas Stamm. «Die heutige Generation ist sich der Umweltproblematik sehr bewusst.»

**Solarstrom verzwanzigfachen**
«Die Hausdächer von heute sind die Kraftwerke von morgen», sagte Dubach als Vorsteher des Kantonalen Baudepartementes. Er stellte bei der Einweihung auch die Pläne der Schaffhauser Regierung vor, die in den nächsten Jahren die Produktion von erneuerbaren Energien klar steigern will. Derzeit werden nur etwa 0,1 Prozent des Schaffhauser Stroms durch Solarstromanlagen erzeugt, im Kanton erst 0,5 Prozent der geeigneten Dachfläche für die Produktion von Solarstrom genutzt. Bis 2017 möchte die Regierung diese Zahlen verzwanzigfachen und die Produktion von Solarstrom von heute 450 auf 9000 bis 10 000 Megawattstunden steigern. Zu diesem Zweck hat der Regierungsrat in seinem «Impulsprogramm Solarenergie» fünf Pfeiler festgehalten: Solaranlagen unter 35 Quadratmetern benötigen neu keine Baubewilligung mehr; die Förderbeiträge für Solaranlagen werden erhöht; die Abnahme von ins Netz eingespeistem Solarstrom wird garantiert; der Kanton agiert als Vorbild; die Informationsanstrengungen werden verstärkt. Die Kanti-Anlage ist ein Schritt in Richtung dieses ambitiösen Ziels.

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11. Januar 2011 | Bier und Käse – eine tolle Heirat

Coopzeitung Nr. 2
Martina Gradmann

Käse schliesst den Magen», sagt eine alte Volksweisheit. Doch gerade nach diesen Tagen mit vielen opulenten Mahlzeiten, kann Käse ganz schön schwer im Magen liegen. Nach einem Käsefondue beispielsweise soll ein Kirsch oder ein Obstler bei der Verdauung helfen. Auch diese Weisheit hält sich hartnäckig, obwohl Forscher des Universitätsspitals Zürich unlängst belegt haben, dass Alkohol die Verdauung kalorienreicher Käsemahlzeiten deutlich verlangsamt. Schaden würde der Alkohol allerdings auch nicht.
Noch immer gilt zu edlen Käsesorten der Wein als statthafter Begleiter. Doch auch Bier eignet sich ganz hervorragend zum Käse. Wer also nicht auf Alkohol zu Käse verzichten möchte, könnte sich dazu oder danach ein Bier gönnen. Denn gekühltes Bier mit acht bis zehn Grad Celsius fördert die Verdauung, während zu kaltes Bier die Verdauung lähmt. Für Feinschmecker und Bierfreunde ist diese Symbiose nichts Neues, doch Skeptiker wollen erst einmal überzeugt werden. Zu tun hat das auch damit, dass Bier als etwas Lapidares gilt. Dabei ist es ein Produkt, das mit viel handwerklichem Können hergestellt wird und deshalb mindestens so viel Aufmerksamkeit verdient wie Käse oder Wein. Bier wirkt umhüllend im Magen, ist appetitanregend und eignet sich deshalb auch gut als Aperitifgetränk. Denn zum Aperitif sollte man keine Säure zu sich nehmen, also keinen Weisswein oder Orangensaft. Besser ist Apfelsaft oder eben Bier und dazu die passenden Käsehäppchen.
«Es gibt Geschmacksstoffe im Käse, die das Bier besonders gut zur Geltung bringen, und gewisse Biersorten unterstreichen hervorragend die Qualität vieler Käsesorten», weiss Annagret Schlumpf, diplomierte Käsesommelière. Vor allem aromatische, fruchtige und nicht allzu bittere Biere verstärken die Qualität vieler Käsesorten. Und doch erscheint uns die Verbindung von Bier und Käse ungewöhnlich. Weshalb uns ein Bier manchmal besser mundet als ein Glas Wein, hat mit den unterschiedlichen Inhaltsstoffen zu tun. So liefern beispielsweise die Aromen aus der Getreidestärke einen süsslich-vollmundigen Geschmack, der Hopfen trägt die nötige Bitterkeit bei und die natürliche Säureund der CO2-Gehalt des Bieres den Frischeeindruck. Und auch den Käse macht ein komplexes Geschmacksgeflecht aus würzigen, süssen und säuerlichen Komponenten reizvoll.
Welches Bier zu welchem Käse? Auch hier gebe es wie beim Wein eine Grundregel, betont die Fachberaterin: Konsens statt Kontraste. Am besten passen folglich Bier und Käsesorten zusammen, die einen ähnlichen Charakter haben. Konkret heisst das:
• zu einem jungen Käse passt ein frisches Bier;
• zu einem feingliedrigeleganten Bier wäre ein junger Schafs- oder Ziegenkäse besonders gut geeignet;
• ein alter würziger Käse verlangt eher nach einem kräftigen, malzbetonten Bier;
• bei stark alkoholhaltigen Bieren darf es gereifter Hartkäse oder ein Rotschimmelkäse sein;
• Blauschimmelkäse wiederum eignet sich gut zu Bieren mit etwas mehr Hopfenbittere (ein Fachbegriff für die natürliche, anregende Bitterkeit des Hopfens);
• Zu cremigem Käse passt ein stark kohlesäurehaltiges Bier.
Wichtig sei, so die Käsesommelière, dass man die Konsistenz des Käses beachte, denn der Fettgehalt habe grossen Einfluss auf den Geschmackseindruck. Salz, Säure und Bitterstoffe beim Käse verstärken sich in Kombination mit einem Getränk. «Die Verbindung von Säure, Alkohol und starken Gewürzen bewirkt oft eine explosionsartige Verschärfung der Wahrnehmung von Gewürzen», weiss sie. Und sie ergänzt:
• Süsse in Getränken und Süsse im Käse ergänzen einander;
• Fette im Käse können Bitterstoffe und Säure in Getränken neutralisieren;
• Die Geschmacksintensität von Käse und Getränken soll ausgewogen sein;
• Kaltvergorene Biere (Lager) mit geringer Hopfen bittere sind passende, angenehme Begleiter für viele Käsetypen;
• Dunkle, malzige Biere lassen sich mit Edelschimmelkäse oder geräucherten Käsen kombinieren und
• Weissbier ist ein guter Partner für Frischkäse und würzige, kräftige Käse.

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14. Dezember 2010 | Konkurrenz durch Importbiere

Schaffhauser Bock
Daniel Thüler

Für viele Aktionäre ist die Generalversammlung der Brauerei Falken AG eines der gesellschaftlichen Highlights des Jahres. Der obligate Ochsenmaulsalat, natürlich das Freibier, aber auch die Dichtkunst des Verwaltungsratspräsidenten Jürg Spahn und das gemeinsame Singen des «Schützenliesl» haben Kultstatus. Am vergangenen Freitag war es wieder so weit.

**Trend zum Detailhandel**
Doch bevor es zum gemütlichen Teil überging, standen die ordentlichen Traktanden an. Wie Jürg Spahn in seiner Ansprache sagte, sei die Brauindustrie weniger konjunkturabhängig als andere Branchen. «Allerdings hat sich in der Wirtschaftskrise und wegen des Rauchverbots in Restaurants der Trend der Verlagerung von der Gastronomie hin zum Detailhandel noch weiter beschleunigt – eine Entwicklung, die für die Brauereien wenig erfreulich ist, weil die Marge im Handel erheblich tiefer, der Konkurrenzdruck durch Billiganbieter jedoch ausgeprägter ist.» Der schweizerische Biermarkt sei im Braujahr 2009/2010 um 1,7 Prozent gewachsen, doch seien auch die Bierimporte um 7,5 Prozent auf 21,5 Prozent gestiegen. Der jährliche Pro-Kopf-Konsum liege in der Schweiz bei 58,2 Liter, in den 60er-Jahren seien es noch 80 Liter gewesen. Zum Vergleich: in Tschechien seien es 160 Liter, in Deutschland 112 Liter, woran aber die Bayern 200 Liter pro Kopf und Jahr beisteuern würden. «Trotz Billigimporten, Rauchverbot und des im grenznahen Raum besonders spürbaren tiefen Euro-Kurses ist es der Brauerei Falken AG gelungen, die Konsumenten im Wortsinn bei der Stange zu halten», so Spahn. «Sie ist weiter gewachsen, sowohl beim Absatz der eigenen Bierproduktion als auch hinsichtlich Gesamtumsatz und Ertrag.» Der Trend zur Swissness – Falken konnte in allen Coop-Filialen der Deutschschweiz den neuen «Eidgenoss» platzieren – und das Wachstum insbesondere im Kanton Zürich trug dazu bei.
Der Jahresgewinn 2009/10 liegt mit 330 982 Franken leicht höher als im Vorjahr (312 354 Franken). Die Dividende beträgt wiederum 50 Franken. Sämtliche Geschäfte – vom Jahresbericht über die Entlastung des Verwaltungsrates bis hin zur Verwendung des Bilanzgewinnes – wurden von den Aktionären einstimmig genehmigt.

**Erste Frau in der Geschäftsleitung**
Spahn konnte auch bekannt geben, dass zum ersten Mal in der Firmengeschichte eine Frau in die Geschäftleitung gewählt wurde: Esther Stolz, die seit 2006 für Falken tätig ist und den Bereich Finanzen und Administration leitet. «Sie hat massgeblich zum Aufschwung der letzten Jahre beigetragen», sagt Spahn. «Insofern ist ihre Beförderung eine logische Konsequenz.

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11. Dezember 2010 | Falken wächst dank Qualität und Swissness

Schaffhauser Nachrichten, Regionale Wirtschaft
Doris Kleck

Drei Fakten haben das vergangene Geschäftsjahr der Brauerei Falken AG besonders geprägt: das seit dem 1. Mai 2010 schweizweit geltende Rauchverbot, die ausländischen Billigimporte und der tiefe Europreis. Trotz dieser widrigen Umstände fiel der Rückblick von Verwaltungsratspräsident Jürg P. Spahn an der Generalversammlung im Park Casino Schaffhausen positiv aus: «Unser Unternehmen entwickelt sich erfreulich. Wir haben besser gearbeitet als im Vorjahr», hielt Spahn in seiner Rede fest. Zwar hat der Marktanteil der ausländischen Biere in der Schweiz im letzten Jahr zugenommen, doch Spahn machte es geschickt: Er verglich den Marktanteil seiner Brauerei mit jenem der inländischen Konkurrenz. Und siehe da: Das Schaffhauser Unternehmen hat im Wettstreit der schweizerischen Markenbiere zugelegt und seinen Marktanteil vergrössert. Rechnet man die von Falken produzierten Biere, welche die Grossverteiler Migros (natürlich alkoholfrei) und Coop als Eigenmarken verkaufen, dazu, dann übertrifft die Brauerei Falken punkto Zuwachs den Gesamtmarkt – ebenfalls unter Einschluss der Importe. Die grossen Dominatoren im Schweizer Biermarkt sind mit einem Marktanteil von 70 Prozent weiterhin die beiden ausländischen Firmen Carlsberg und Heineken. Spahn erwähnte dabei auch die Schliessung der Brauerei Cardinal in Freiburg durch Carlsberg als bedauernswertes «Fin d’une époque», das eben bezeichnend sei für ein globalisiertes Unternehmen, welches die Gewinnmaximierung über regionale Interessen stellt. Das Gegenteil also zur Brauerei Falken, sagte doch Spahn auch: «Unsere Selbständigkeit ist ein gutes Verkaufsargument.»
Geschäftsleiter Markus Höfler präsentierte den 345 anwesenden Aktionärinnen und Aktionären das Geschäftsjahr en détail. Er verwies darauf, dass die Brauerei Falken als mittelständisches Unternehmen einen grossen Vorteil hat: Es kann rasch und flexibel auf veränderte Marktbedingungen reagieren. So machte sich die Brauerei Falken den Trend zur Swissnes zunutze und lancierte dieses Jahr den «Eidgenoss», der erfolgreich in den Deutschschweizer Coop-Filialen platziert werden konnte. Überhaupt: Der Detailhandel gewann gegenüber der Gastronomie – nicht zuletzt wegen des Rauchverbots und des tiefen Eurokurses – für die Schaffhauser Brauerei an Bedeutung. Spahn bedauerte dies bereits in seiner Eintrittsrede insofern, als die Margen in der Gastronomie höher sind und der Konkurrenzdruck wegen des ausländischen Billigbiers im Detailhandel ausgeprägter ist. Das wichtige Absatzgebiet ist weiterhin der Schaffhauser Heimmarkt. Doch die Brauerei Falken legte auch im Wachstumsmarkt Zürich zu und konnte viele neue Absatzstellen finden. So trinkt man in Zürich zur besten Bratwurst der Stadt, beim «Vorderen Sternen» am Bellevue, seit dem Frühling Falkenbier. Die Aktionäre genehmigten den Geschäftsbericht und die Rechnung einstimmig. Der Jahresgewinn lag mit 330 982 Franken leicht höher als im Vorjahr. Die Dividende beträgt auch dieses Jahr 50 Franken. Doch wichtiger war gestern sowieso: Essen und Trinken – die wahre Dividende.

**Jürg P. Spahn Jahresrückblick in Versen – Ein Auszug**
Sagte doch der alte Schüle
Kurt in aller Kühle,
spannend sei der Spruch am Ende
und sicher nicht die Dividende
Den Eidgenossen auf der Spur
kam es im Sommer zum Schwur:
Qualität statt Bier mit Macken
schwörte man in Interlaken
und holte dazu schnell den guten alten Tell,
einen dieser Eidgenossen,
die noch mit der Armbrust schossen.
Und man war sich rasch im Klaren:
Frei sein, wie die Väter waren!
Stolz die Freiheit zelebrieren:
Frei sein! Frei von fremden Bieren!
Für die alten Eidgenossen
sind in Bundesbern die Possen
der Bundesräte ein Kontrast,
der nicht zu ihnen passt.
Wenn im Bundesrat sie chären
und hinterher dann plärren,
hätten sie die besten Karten
sicher für den Kindergarten.
Und obwohl jetzt zwei gegangen,
hat es wieder angefangen,
denn leider war die Calmy-Rey
bei diesem Abgang nicht dabei.

**Esther Stolz Erste Frau in der Geschäftsleitung**
Premiere bei der Brauerei Falken: Esther Stolz wurde vom Verwaltungsrat als erste Frau überhaupt in die Geschäftsleitung gewählt, wie VR-Präsident Spahn gestern mitteilte. Stolz, in Stein am Rhein und Schaffhausen aufgewachsen, zeichnet für die Finanzen und die Administration verantwortlich. Durch Zufall kam sie 2006 zur Brauerei Falken – zunächst als Assistentin der Geschäftsleitung. Dass sie – wenn Not am Mann ist – auch mal Flaschen sortieren muss, stört Stolz nicht. Im Gegenteil, ihr gefällt die Nähe zu Produkt, Kunden und Mitarbeitern, wie das bei einem KMU eben üblich ist. (dk)

**Brauerei Falken AG Kennzahlen 2009/10**

in Mio. Franken 09/10 – 08/09

Nettoerlöse: 22,28 – 21,84
Jahresgewinn: 0,33 – 0,31
Umlaufvermögen: 6,39 – 5,96
Anlagevermögen: 11,83 – 11,77
Fremdkapital: 13,98 – 13,68
Eigenkapital: 4,24 – 4,05
Rückstellungen: 10 – 9,55
Flüssige Mittel: 0,412 – 0,37
Personalaufwand: 5,53 – 5,73
Dividende pro Aktie (in Fr.): 50 – 50


Wo Schaffhausen sich trifft: Die Falken-GV ist auch ein gesellschaftlicher Anlass und alles andere als bierernst.
Bilder Selwyn Hoffmann

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7. Dezember 2010 | «Scaphusia-Preis» zum 4. Mal verliehen

Schaffhauser Bock
Judith Klingenberg

Die Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule mit Wettbewerben zu besonderen Leistungen in wissenschaftlichen oder künstlerischen Disziplinen anzuregen ist das Ziel der Stiftung Scaphusia. Gegründet wurde sie vor zehn Jahren mit dem Legat eines ehemaligen Altherrn der gleichnamigen Kantonsschulverbindung. Seither wurden ein Schreib-, ein Publicity- und ein Musikwettbewerb durchgeführt und in diesem Jahr wurde der Scaphusia-Preis im Rahmen eines Kurzfilmwettbewerbs zum Thema «weggeschaut» verliehen. Schön für die Teilnehmenden war: es gab nur Sieger. «Niemand soll leer ausgehen», sagte an der Preisverleihungsfeier Jury-Präsident Erich Bolli, pensionierter Deutschlehrer, zu den Jugendlichen. Diese hatten in zehn Gruppen elf Filme eingereicht, zehn wurden juriert. «Auch wenn sie technisch nicht perfekt sind, sind doch alle sehr sehenswert», so Bolli. Darum verteilte die Jury, der nebst Bolli Martin Wabel, Filmemacher und Kameramann beim Schaffhauser Fernsehen, und der Scaphusianer Frank Seiler, Grafiker, die Preis summe von 3000 Franken auf die zehn Teams. Den mit 1000 Franken dotierten ersten Preis bekamen Julia Müller, Pearl Nebah, Xenia Ritzmann, Valentin Fischer und Tobias Urech für ihren Film über eine unerwiderte Liebe. Auf den zweiten Rang (700 Franken) schafften es Jann Schwaninger, Florian Eggers und Silvio Knapp, sie thematisierten das Abdriften in der virtuellen Realität. Den dritten Platz (400 Franken) belegen Miriam Barner, Simone Stoll und Andreas Schori mit einem Beitrag über eine Beziehungskrise, die mit einer tödlichen Schlägerei endet. Zwei weitere Filme erhielten Förderpreise von je 200 Franken, die restlichen fünf Filme Anerkennungspreise von je 100 Franken.


Stiftungsratspräsident Alexander Wanner überreicht dem Team aus Tobias Urech, Valentin
Fischer, Xenia Ritzmann, Pearl Nebah und Julia Müller (v.r.) den ersten Preis.
Bild: Judith Klingenberg

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4. Dezember 2010 | Kurzfilme prämiert: Wegschauen zum Hinschauen

Schaffhauser Nachrichten, Region
(M. E.)

Nicht ganz so glamourös wie bei einer Oscar-Verleihung, aber ebenso enthusiastisch wurde die Verleihung des diesjährigen Scaphusia-Preises in der Kantonsschule begangen. Die Auszeichnung vergibt eine Stiftung, die das Legat eines Altherrn der Mittelschulverbindung mit dem Ziel verwaltet, Kanti-Schülerinnen und -Schüler zu besonderen Leistungen in wissenschaftlichen oder künstlerischen Disziplinen anzuregen. Nachdem seit 2003 ein Schreib-, ein Publicity- und ein Musikwettbewerb durchgeführt worden waren, ging es jetzt um den besten Kurzfilm zum vorgegebenen Thema «weggeschaut».
«Toll habt ihr es gemacht, mit Herzblut», attestierte Jury-Präsident Erich Bolli, pensionierter Kanti-Deutschlehrer, den Jungfilmerinnen und -filmern, die in zehn Gruppen elf Kurzfilme (zehn davon wurden juriert) von einer bis neun Minuten Dauer eingereicht hatten. Das Generallob war gerechtfertigt, wie die Reaktion des jugendlichen Publikums im voll besetzten Raum auf jeden der gezeigten Filme bewies. Dass hier eine Kameraeinstellung nicht ganz genau war, dort ein Schnitt daneben ging und (öfter) der Ton zu wünschen übrig liess, tat dem positiven Gesamteindruck keinen Abbruch. Erstaunlich ist der Einsatz der filmischen Mittel, fand auch Jury-Mitglied Martin Wabel, Filmemacher und Kameramann beim Schaffhauser Fernsehen. Und dass «augenfällig um den Themenbezug gerungen wurde» (Erich Bolli), spricht für die Ernsthaftigkeit, mit der hier zu Werk gegangen wurde. Am authentischsten waren jene Filme, die im Milieu der Jugendlichen ohne das gemimte Auftreten von Erwachsenen (Polizisten, Eltern oder Lehrer) spielten. Die Mehrheit der Arbeiten näherte sich dem Thema «weggeschaut» mit Bezug auf die Jugendgewalt, einmal auf die Misshandlung durch die eigene Mutter. Der bestprämierte Beitrag wich allerdings von diesem vordergründigen Aspekt ab. Xenia Ritzmann, Pearl Nebah, Julia Müller, Tobias Urech und Valentin Fischer erhielten den ersten, mit tausend Franken dotierten Preis für einen Kurzfilm, der das Wegschauen am Beispiel eines verliebten Mädchens thematisiert, das von ihrem Angebeteten in verletzender Weise nicht zur Kenntnis genommen wird, aber auch selbst die Augen vor dieser Realität verschliesst. Mit Wegschauen in der «Virtual Reality» setzt sich der von Jann Schwaninger, Florian Eggers und Silvio Knapp mit hohem technischem Aufwand gedrehte Kurzfilm im zweiten Rang (700 Franken) auseinander, und «Bronze» (400 Franken) erhielten Miriam Barner, Simone Stoll und Andreas Schori für eine Geschichte über eine tödliche Schlägerei mit der Schlusspointe, dass die scheinbar unbeteiligte Erzählerin selbst die Wegschauerin ist. Zwei weitere Beiträge erhielten Förderpreise in Höhe von zweihundert, die restlichen Filme Anerkennungspreise von je hundert Franken zugesprochen.

Das Schaffhauser Fernsehen zeigt am Dienstag, 14. Dezember, ab 18.30 Uhr die in den drei ersten Rängen mit dem Scaphusia-Preis ausgezeichneten Kurzfilme.


Stiftungsratspräsident Alexander Wanner (rechts) übergibt den ersten Preis an (v.l.n.r.): Julia Müller, Pearl Nebah, Valentin Fischer, Xenia Ritzmann und Tobias Urech.
Bild Selwyn Hoffmann

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29. November 2010 | Erst die Kunst, dann der Genuss

Schaffhauser Nachrichten, Stadt Schaffhausen
Martin Edlin

«Model waren Medien, die den Menschen Botschaften vermittelten, Botschaften, die mit Augen und Gaumen erfahrbar waren.» Hans Peter Widmer, der dies sagt, ist ausgewiesener Fachmann für jene Model aus Ton oder Holz, mit denen Gebäck verziert wurde und bis heute wird. Schaffhausen gehörte zu den Hochburgen ihrer Herstellung. Bereits 1999 hatte das Museum zu Allerheiligen eine Ausstellung den historischen Tonmodeln aus der Bossierer-Werkstatt Stüdlin in Lohn gewidmet. Jetzt gibt eine Sonderschau den Blick frei auf Model aus Holz aus fünf Jahrhunderten, Kostbarkeiten aus den Beständen der kulturhistorischen Abteilung, ergänzt mit Stücken aus Privatsammlungen.

**Der Meister macht es vor**
Mag sein, dass die vielen Vernissage-Besucherinnen und -Besucher am gestrigen Sonntag mehrheitlich dem Lager der aktiven Guezler angehören und ihr Interesse vor allem dem Formen und Backen galt. Jedenfalls war Zuckerbäcker Tobias Ermatinger, der den Gebrauch der Model souverän demonstrierte und gute Tipps gab, ein umlagerter Mann. Nicht dazu gehörte Stadtpräsident Thomas Feurer, der freimütig bekannte, er habe «keine Ahnung vom Backen». Und dennoch, so schwärmte er bei seiner Begrüssung des Vernissagepublikums, würden ihn diese kunsthandwerklichen Backformen berühren. Nicht nur die Objekte des Bemühens, «schön zu machen, was man isst», nicht nur die in Holz geschnitzten Darstellungen mit den vielen, zum Teil versteckten Details, auch nicht nur «die Machart, die unglaubliche Präzision und die auf diese Weise verewigten liebevollen Erklärungen des Lebens» beeindruckten ihn, sondern ebenso die in den Motiven zum Ausdruck kommende Freude, Freude, die sich aufs Backen und dann auf den Genuss des Gebäcks überträgt.

**Zeitzeugen**
Nun sind Model nicht einfach Zeugnisse eines bis heute florieren- den und hochstehenden Handwerks, sondern – da sie zu den repräsentativen Gebrauchsgegenständen in der Küche gehörten – ebenso Zeitzeugen und widerspiegeln mit ihren Motiven eine eigentliche Kulturgeschichte. Denn im Gegensatz zu heute, da wir mit Modeln verziertes Gebäck fast nur noch zur Weihnachtszeit kennen, wurde es bis ins 17. und 18. Jahrhundert zu allen kirchlichen, weltlichen und privaten Festen hergestellt. So zeigen die Darstellungen im sakralen Bereich biblische Szenen (Widmer: «Die ganze Bibel zum Aufessen») oder, weltlich, Wappen, obrigkeitliche Hoheitszeichen, Pflanzen und Tiere oder Alltagsmomente…, kurz, die ganze Palette dessen, was Menschen ihrer Zeit beschäftigte. Einzelne Model können bestimmten Kunsthandwerkern und ihren Werkstätten zugeordnet werden, zum Beispiel Goldschmieden, die sich im 16. und 17. Jahrhundert in Schaffhausen niedergelassen hatten. Oder ein Model mit den Wappen des Schaffhausers Werner Abegg (um 1540) erinnert plastisch an die Geschichte dieses Söldner-Abenteurers und erfolgreichen Militär-Haudegens.

**Abschluss der Sanierung**
Die Holzmodel-Ausstellung ist noch in anderer Hinsicht das Tüpfelchen auf dem i: Sie ist als erste Schau im Sammlungskabinett des Museums zu Allerheiligen untergebracht, einem Raum, der jetzt als Letzter im Rahmen der Erneuerung der kulturhistorischen Abteilung von Allerheiligen saniert wurde. Hier sollen, wie Daniel Grütter als Kurator dieser Abteilung erklärte, künftig kleinere Ausstellungen zu Spezialitäten der Schaffhauser Vergangenheit gezeigt werden. Die Ausstellung «Süsse Bilder für Augen und Magen» mit mehreren Begleitveranstaltungen dauert zwar noch bis zum 27. März des kommenden Jahres, passt aber wohl besonders gut zur (Advents-) «Zeit, in der man sich Zeit nehmen sollte», wie Stadtpräsident Thomas Feurer in einem «Plädoyer für die Langsamkeit» meinte. Die Lust am Guezeln gehört für ihn, den erklärten Back-Abstinenten, offensichtlich dazu.