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Programmheft Spohr

Begleittext aus dem Programmheft

Louis Spohr (1784-1859)
Symphonie Nr. 9, h-Moll, Op. 143, «Die Jahreszeiten», 1850
Teil II Nr. 2 Einleitung zum Herbst: Allegro vivace
Teil II Nr. 3 Herbst: L’istesso tempo
Dirigent: Howard Shelley
Orchestra della Svizzera italiana
Hyperion 2011
6:41

Louis Spohr war zusammen mit Hector Berlioz einer der Begründer der frühromantischen Programmsinfonie und komponierte zwischen 1832 und 1850 vier derartige Werke. Während Berlioz’ «Symphonie fantastique» und etwas weniger oft auch «Harold in Italien» sowie «Romeo und Julia» noch heute im Konzertrepertoire sind, konnten sich die Werke Spohrs nur einige Jahrzehnte lang im Repertoire halten. Jedoch führten Berlioz und Spohr gleichermassen die thematischen Grundzüge ein, die später in den Programmsinfonien und sinfonischen Dichtungen verarbeitet werden sollten.

Mit der «Symphonie fantastique» führte Berlioz das biographische Programm ein, während «Harold in Italien» und «Romeo und Julia» jeweils literarische Meisterwerke zugrunde lagen und seine «Symphonie funèbre et triomphale» sich mit einem grossen öffentlichen Ereignis auseinandersetzte. Spohr hingegen verarbeitete mit seiner «Weihe der Töne» (Sinfonie Nr. 4) philosophisches Material aus einem Gedicht, in dem die Auswirkungen der unterschiedlichen Klänge im menschlichen Leben - etwa Vogelgesang, Schlaflieder, Reigen, Militärsignale, das Te Deum und Begräbnismusik - beschrieben werden. Mit seiner «Historischen Symphonie im Styl und Geschmack vier verschiedener Zeitabschnitte» (Nr. 6) führte er dann das Konzept ein, musikalische Stile vergangener Zeiten aufzugreifen, was etwa in Tschaikowskys «Mozartiana», Griegs «Holberg-Suite» und Strawinskys «Pulcinella» Nachfolger fand. In der vorliegenden Aufnahme wird die 9. Sinfonie, in der das Thema Natur behandelt ist (wobei Spohr natürlich viele Vorgänger hatte), vorgestellt. Zwar entstanden im 18. Jahrhundert Sinfonien mit Programmen, von denen die bedeutendsten die 12 Werke von Dittersdorf sind, denen Ovids «Metamorphosen» zugrunde liegen, doch als das 19. Jahrhundert anbrach, nahmen die reifen Meisterwerke Haydns und Mozarts eine vorherrschende Stellung ein, so dass jene frühen Programmsinfonien in die Bibliotheksarchive verbannt wurden. Für die erste Komponistengeneration der Romantik leuchtete Beethovens Pastoralsinfonie also in einsamer Pracht als Vorlage für die Programmsinfonie.

Berlioz mied die konventionelle Sinfonie bekanntermassen, doch finden sich unter Spohrs zehn Sinfonien, die zwischen 1811 und 1857 entstanden, ebenso programmatische wie nicht-programmatische Werke. Das bedeutete, dass er in die Schusslinie der Musikkritiker beider Fraktionen der Zeit geriet - also einerseits der Radikalen, die seine eher traditionellen Sinfonien ablehnten, und andererseits der Konservativen, die gegen die Programmsinfonien waren.

Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Komponisten bestand darin, dass der Franzose seinen Ruf erst noch etablieren musste, als er sich mit seiner «Symphonie fantastique» in die Musikszene förmlich hineinkatapultierte, während Spohr seine erste Programmsinfonie als gestandener Meister komponierte, der sich bereits 1804 als Geigenvirtuose und Komponist von hochgelobten Solokonzerten einen Namen gemacht hatte. Nachdem er aus dem herzoglichen Orchester seiner Heimatstadt Braunschweig ausgetreten war, hob seine Karriere ab und setzte sich in Gotha (1805-1812), Wien (1813-1815). Frankfurt (1817-1819) und schliesslich Kassel (1822-1857) fort. Zusätzlich unternahm er zahlreiche Konzertreisen nach St. Petersburg, Italien, England und Paris und spielte zudem eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Dirigierens mit Dirigentenstab. Mit seinen Opern «Faust» 1813, «Zemire und Azor» 1818 und «Jessonda» (1822) sowie seinem Oratorium «Die letzten Dinge» 1826 konnte er seinen Ruf als erstklassiger Musiker nachhaltig festigen und nach dem Tode Beethovens im Jahre 1827 wurde er von vielen als der grösste lebende deutsche Komponist betrachtet.

Spohrs letzte Programmsinfonie, «Die Jahreszeiten» Nr. 9 in h-Moll op. 143, wurde im April 1850 fertiggestellt und ist von autobiographischer Bedeutung. Spohr konzipierte das Werk bereits im Dezember 1849, doch am 2. Weihnachtsfeiertag erkrankte seine zweite Ehefrau, Marianne, ernstlich und schwebte für einige Zeit in Lebensgefahr. Einen Tag, nachdem sie sich wieder völlig erholt hatte, am 22. Januar 1850, rutschte Spohr nach einem starken Nachtfrost auf dem Eis aus und erlitt eine schwere Gehirnerschütterung, so dass er mehrere Wochen lang das Bett hüten musste. Dabei spukten ihm Ideen für die Sinfonie im Kopf herum und sobald er wieder aufstehen konnte, begann er mit der Arbeit an dem neuen Werk. Die Sinfonie ist für ein grosses Orchester mit einem Blechbläserapparat von zwei Trompeten, vier Hörnern, drei Posaunen und einem Basshorn komponiert und hat eine ungewöhnliche zweiteilige Anlage, wobei zunächst Winter und Frühling und dann Sommer und Herbst zusammengenommen sind. Teil I scheint Spohrs Pechserie vom Januar darzustellen, da die meisten anderen Werke, denen die Jahreszeiten zugrunde liegen - die vier Violinkonzerte Vivaldis, Haydns Oratorium, der Zyklus von vier Sinfonien von Raff sowie Glasunows Ballett - mit dem Frühling beginnen und dem Winter enden. Spohrs Sinfonie hingegen beginnt im tiefsten Winter. wobei kraftvolle Ausbrüche mit eisigen Zwischenspielen der Blasinstrumente und Streicher (im Pizzicato) alternieren, während ein schleppendes zweites Thema, das in der Reprise H-Dur erreicht, von dem insistierenden Hauptthema und einer Rückkehr nach h-Moll beiseite gefegt wird. Schliesslich scheint das Wintermotiv wegzuschmelzen und der beginnende Frühling, ein Scherzo und Trio, wird von Vogelgesang angekündigt. Ein verträumter Tanz, Moderato, der immer noch vom Vogelgesang begleitet wird, ist einem deutlich lebhafteren Presto gegenübergestellt, bevor der erste Teil wiederkehrt.

Der Sommer eröffnet den zweiten Teil, Largo, mit einer Darstellung der schwülen Hitze, die durch die Aufteilung der gedämpften Streicher in neun separate Stimmen erzeugt wird. Ein zentraler Abschnitt, der von einem Thema im Horn und den Holzbläsern beherrscht wird, stellt den Klang von entferntem Donnergrollen dar, bevor die Hitze wieder zurückkehrt, die Musik einen Höhepunkt erreicht und dann langsam erstirbt Der Herbst wird durch Hornsignale angekündigt die Jagdrhythmen darstellen und ebenfalls feiert Spohr die Weinlese, indem er das damals populäre Rheinweinlied «Bekränzt mit Laub» aus dem Band «Lieder im Volkston» 1782 von Johann Abraham Peter Schulz (1747-1800) zitiert. Dies wird in der Durchführung zusammen mit Spohrs eigenem Hauptmotiv fugal behandelt. Der positive und fröhliche Abschluss der Sinfonie deutet darauf hin, dass Spohr seine unglücklichen winterlichen Erfahrungen dezidiert hinter sich gelassen hatte. Das Werk Wurde erstmals am 24. Oktober 1850 im Leipziger Gewandhaus aufgeführt, worauf nur einen Monat später, am 25. November, eine Londoner Aufführung unter der Leitung von Michael Balfe (der Komponist von The Bohemian Girl folgte.

Keith Warsop, Vorsitzender der Spohr-Gesellschaft Grossbritannien (Übersetzung:Viola Scheffel)