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Filia hospitalis

Text

  1. O wonnevolle Jugendzeit mit Freuden ohne Ende, mit Minnefahrten weit und breit, wo sich die Schönste fände. Ich grüsse dich, du junges Blut, bin jedem hübschen Weibe gut, [: und doch ist nichts aequalis der filia hospitalis. :]
  2. Ich kam als krasser Fuchs hierher und spähte in die Gassen, wo mir ein Bett und Zimmer wär, den langen Leib zu fassen. Fand Sofa nicht, noch Stiefelknecht, und doch war mir die Bude recht, denn keine ist aequalis der filia hospitalis.
  3. Sie ist ein gar zu herzig Kind mit ihren blonden Zöpfen, die Füsschen laufen wie der Wind im Schuh mit Quast und Knöpfen; die Schürze bauscht sich auf der Brust, allwo ich schau, ist eitel Lust, und keine ist aequalis der filia hospitalis.
  4. Vier Mieter hat sie: der Jurist besucht nur feine Kreise, der Mediziner ist kein Christ, der Theolog - zu weise. - Doch mir, mir dem Philologus, gab sie in Züchten einen Kuss, und keine ist aequalis der filia hospitalis.
  5. Du rheinisch Mädchen, wüsst ich doch, was Gott mit uns beschlossen? Ich schanz mir in den Kopf ein Loch und ochse unverdrossen. Und wärst du mir auch nie beschert, zeitlebens bleibst du hochgeehrt, weil keine dir aequalis, dir, filia hospitalis.

Otto Kamp, 1885