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Effizienz ist nicht das Hauptziel des Rates

Dienstag, 9. Januar 2018

Rainer Schmidig (EVP) wird heute Abend höchstwahrscheinlich zum Präsidenten des Grossen Stadtrates gewählt werden. Wichtiger als das Tempo sei im Parlament das Finden guter Lösungen.

Schaffhauser Nachrichten
Daniel Jung

Er ist zwar noch nicht gewählt, sollte heute Abend aber zum Präsidenten des Grossen Stadtrates gekürt werden: Rainer Schmidig (EVP) war im letzten Jahr 1. Vizepräsident des Stadtparlaments und kandidiert nun für ein Jahr als höchster Stadtschaffhauser.
Schmidig ist Mathematiker, Physiker und Pädagoge. Insgesamt 41 Jahre lang war er als Lehrer an der Kantonsschule Schaffhausen tätig, zwischen 1990 und 2003 auch als Rektor. «Durch das Rektorat war ich in viele politische Diskussionen involviert», sagt Schmidig. In seine Amtszeit fielen grosse Veränderungen: So wurde die Kantonsschulzeit von fünf auf vier Jahre verkürzt und ein neues Maturitätsanerkennungsreglement (MAR) eingeführt.
Im Jahr 2000 wurde er dann von der Schaffhauser EVP angefragt, ob er für den Kantonsrat und den Grossen Stadtrat kandidieren möchte. Er antwortete: «Wieso nicht?» Grosse Ambitionen habe er damals nicht gehabt. Trotzdem wurde er – wohl auch wegen seiner Bekanntheit als Rektor – in beide Parlamente gewählt. Seit 2001 ist Schmidig nun auf kantonaler und auf städtischer Ebene politisch tätig – in beiden Parlamenten als einziger Vertreter der Evangelischen Volkspartei (EVP).

Christliche Grundhaltung
In der EVP fühlt sich der Mathematiker wohl: «Die Art und Weise, wie man hier politisieren kann, kommt mir entgegen», sagt er. In der kleinen EVP sei er sehr frei, seine Haltungen zu vertreten. Die christlichen Werte der Partei teilt Schmidig. «Die christliche Grundhaltung hilft einem im Leben weiter», ist er überzeugt. Trotzdem bezeichnet sich der Naturwissenschafter als «nicht sehr religiös».
Schmidig gehört im Parlament zur siebenköpfigen Mittefraktion – gemeinsam mit Vertretern der Grünen, CVP und GLP –, der bei Abstimmungen oftmals eine entscheidende Rolle zukommt. «Wir haben ein gewisses Gewicht», sagt Schmidig. In letzter Zeit war die Mitte oft nahe an den Anträgen des Stadtrats – etwa wenn es um Steuersenkungen ging. Das liege auch daran, dass derzeit der Stadtrat ähnlich wie die Mittefraktion ausbalanciert sei, erklärt Schmidig. «Auch der Stadtrat sucht nach Kompromissen, was uns nahe liegt», sagt er.

Austritt aus der FDP
1990, bei seiner Wahl zum Kantirektor, war Schmidig noch Mitglied der FDP gewesen. Die freisinnige Partei verliess er Mitte der 90er-Jahre, als die FDP eine Listenverbindung mit der Freiheitspartei (früher Autopartei) einging. «Ausschlaggebend für meinen Austritt war die Haltung der Autopartei zu den Schulen – das hat mir nicht behagt», erklärt er.
Zehn Jahre lang war Schmidig noch als Kantilehrer tätig, nachdem er das Rektorat an seinen Nachfolger Urs Saxer abgegeben hatte. «Ich bin der Meinung, dass Schulleiter-Positionen keine Lebensstellen sein sollen», sagt er. Für eine Schule sei es besser, wenn es in regelmässigen Abständen einen Wechsel in der Führung gebe. «Es ist nicht gut, wenn eine Person über Jahrzehnte etwas prägt», sagt er, «dann laufen sich gewisse Dinge tot.»
Schmidig ist stark in Schaffhausen verwurzelt. «Es ist sehr schön, hier zu wohnen.» Er schätzt die Grösse der Stadt, die es erlaube, einen gewissen Einfluss zu nehmen. «Hier ist es überblickbar, hier gibt es Möglichkeit, bei der Lösung von Problemen mitzu- helfen.» In einem Zeitungsartikel zur Pensionierung schrieb der Berufskollege Giancarlo Copetti über Schmidig: «Schon Zürich ist ihm zu hektisch und zu gross. Das ist kein Defizit, sondern vielmehr eine Stärke – die Stärke, sich zum Lokalen zu bekennen, ohne provinziell zu sein.» (SN vom 18. Januar 2013).
Schaffhausen ist weiterhin auch Mittelpunkt der grossen Familie von Ruth und Rainer Schmidig, die sechs Kinder und aktuell 14 Enkelkinder haben – das jüngste wurde im Dezember geboren. «Wir haben Kinder gerne und geniessen die Familie», sagt Schmidig. Die Konstellation und das Umfeld habe es möglich gemacht, eine grosse Familie zu gründen. «Wir hatten Grossmütter in der Nähe, die mitgeholfen ha- ben – so wie wir es heute auch wieder machen.»

Bescheidene Ambitionen
Ein Ratspräsidium kann ein Sprungbrett sein, um ein höheres Amt anzustreben. Der 68jährige Schmidig verbindet mit seinem Präsidialjahr aber keine solchen Erwartungen. «Ich muss nichts mehr beweisen», sagt er. Es sind praktische Gründe, die zur Kandidatur geführt haben. «Wir sind eine eher kleine Fraktion, einige Kollegen haben das Präsidium auch schon übernommen, andere sind erst seit kurzer Zeit mit dabei», sagt Schmidig. Deshalb sei er als Kandidat «relativ naheliegend» gewesen. «Ich habe gefunden: Dann mache ich es halt.», sagt er und lacht.
Nun freut sich Schmidig auf die Aufgabe. «Ich finde es ein schönes Amt und mache das gern», sagt er. Er ist sich bewusst, dass damit einiger Vorbereitungsaufwand verbunden ist. Die repräsentativen Anlässe, zu welchen der Parlamentspräsident eingeladen wird, sieht Schmidig ziemlich neutral: Weder sucht er dies stark, noch empfindet er es als Last.
Die Gestaltungsmöglichkeiten des Ratspräsidenten sind jedoch begrenzt. «Man muss dafür sorgen, dass die Diskussionen gut über die Bühne gehen», sagt Schmidig. Eine rasche Behandlung möglichst vieler Geschäfte sei dabei nicht das wichtigste Kriterium. «Effizienz ist nicht das Hauptziel eines Rates», sagt Schmidig. Stattdessen sei es Aufgabe des Parlaments, Probleme zu erkennen und gute Lösungen zu finden. «Das dauert manchmal etwas länger», sagt er. Deshalb dürfe ein Rats­präsident nicht ungeduldig sein. Die Politik steuern könne ein Präsident aber nicht. «Man soll sich selber ja eher zurück nehmen», sagt er.

Fokus auf die Kommission
Trotz seiner Erfahrung im Rat meldete sich Schmidig bisher an den Sitzungen nicht überdurchschnittlich häufig zu Wort. Er konzentriert sich stärker auf die Arbeit in den Kommissionen. «Dort kann man wirklich noch etwas bewegen, dort wird wirklich nach Lösungen gesucht», sagt er. Bei der abschliessenden Debatte im Parlament ändere sich meist nur noch wenig am Geschäft. «Und bloss ein Statement abzugeben, damit es in der Zeitung steht, ist nicht unbedingt meine Art.»



Zur Person Rainer Schmidig

Jugend
Rainer Schmidig wurde 1949 in Schaffhausen geboren und ist hier aufgewachsen.

Ausbildung
Schmidig besuchte die Schulen in Schaffhausen und erwarb im Herbst 1968 eine naturwissenschaftliche Matura (Typus C). Danach studierte er an der ETH Zürich Mathematik und Physik. Er schloss sein Studium als dipl. math. ETH im Herbst 1973 ab.

Beruf
Schmidig arbeitete als Assistent an der ETH Zürich und unterrichtete an der Kantonsschule Schaffhausen. Im Jahr 1980 wurde er zum Hauptlehrer für Mathematik und Physik gewählt. Ab 1983 war er Prorektor, von 1990 bis 2003 Rektor der Kantonsschule. Bis 2013 war er als Lehrer dort tätig. Zwischen 2003 und 2015 war er zudem mathematischer Experte der kantonalen Pensionskasse.

Politik
Seit 2001 sitzt Schmidig für die EVP im Schaffhauser Kantonsrat und im Grossen Stadtrat.

Familie
Mit seiner Frau Ruth hat er sechs Kinder grossgezogen. Sie haben 14 Enkelkinder.

Kategorie: Notizen zu Namen

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