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Mitteilungen

«Mit Wehrli-Wösch weisch, wat häsch!»

Dienstag, 15. August 2017

Nachruf Zum Hinschied von Eugen Wehrli (1919–2017)

Schaffhauser Nachrichten
Michael E. Dreher

Dieser Slogan warb jahrzehntelang für das renommierte Textilgeschäft Wehrli an der Ecke Vordergasse 77 und Rathausbogen, wo heute die Buchhandlung Thalia ihr Schaffhauser Domizil hat. Das etwas sentimentale Lied: «Die alten Strassen noch, die alten Häuser noch, die alten Freunde aber sind nicht mehr …», könnte für Schaffhausen lauten «… die alten Geschäfte aber sind nicht mehr.» Der Wandel ist offensichtlich und tief greifend. Der Arme-Leute-Laden Migros, bis 1956 am Fronwagplatz 25 domiziliert, ist längst zum Universalanbieter auf höchster Qualitäts-(und Luxus-)Stufe geworden; Baumärkte, Supermärkte, Gigamärkte sowie der Wegfall vieler Zollschranken haben den Detailhandel in Verbindung mit dem Internet in einer Weise umgekrempelt, wie sich das nur sehr weitsichtige Unternehmer mit USA-Bezug – Trendsetter – vorstellen konnten. Einige Schaffhauser Traditionsfirmen wie etwa die Konditoreien Rohr und Reber, die ehemalige Bäckerei Aschinger an der Oberstadt oder die Zuckerbäckerei Ermatinger sind zwar noch am alten Ort, wenn auch in anderen Händen. Immerhin wird der «Falken» – Stammhaus der Brauerei – nach wie vor und erfolgreich an der Vorstadt 5 geführt, der Zeit zum Trotz.
Auch die angesehene Firma Wehrli gehörte zu den Schaffhauser Spezialgeschäften, die bis in die frühen 1960er-Jahre für ihre Inserate ein bienen- wabenförmiges Logo verwendeten. In jeder «Wabe» waren die andern Spezialgeschäfte eingetragen, wie Sauter (Radio TV), Stierlin (Eisenwaren), Wehrli (Textil), Reinfried (Teppiche), Hablützel (Leder), Bodmer (Spielwaren), Rauch (Mode), Werner (Pelze) und so weiter. Jedes Inserat eines Spezialgeschäfts warb so gleichzeitig für alle andern. So hatten die Schaffhauser Detaillisten schon vor Jahrzehnten mit diesem Werbeauftritt eine Art von Corporate Identity, lange bevor dieser Begriff etabliert war oder an der Hochschule St. Gallen gelehrt wurde.
Ein wegweisender Entscheid für die Zukunft der Altstadtgeschäfte war 1969 die Gründung der Pro City. Paul Pflügl (Tabak Forster) und Eugen Wehrli hatten massgebend zur Formierung dieser Vereinigung für eine lebendige Altstadt beigetragen. Aus dem ehemaligen Detaillistenverband entwickelte sich eine jahrzehntelange und bis heute erfolgreiche Zusammenarbeit, welche auch die Warenhäuser einbezieht.
Zu diesen engagierten Exponenten des in der traditionellen Form untergegangenen Schaffhauser Detailhandels gehörte viele Jahre der Unternehmer Eugen Wehrli, ein Geschäftsherr und Gentleman alter Schule.
Er ist am 1. Juni kurz vor seinem 98. Geburtstag gestorben. Ich kannte ihn seit meinem fünften Lebensjahr, als er mich aus dem Lift in seinem Geschäftshaus befreite, wohin sich das aufgeweckte Kind zwecks Erprobung des mechanischen Aufstiegs begeben hatte, jedoch den Lift nicht mehr unter Kontrolle brachte. Das Geschrei im Schacht war weitherum hörbar, die Befreiung aus dem Lift wurde als Lebensrettung empfunden.

Freundschaften fürs Leben
Eugen Wehrli besuchte die Kantonsschule, wo er 1936 der Traditionsverbindung Scaphusia beigetreten war. Man kann füglich sagen, dass er in diesem Lebensbund jahrzehntelange Freundschaften fand. Er pflegte diese auch mit jüngeren Jahrgängen, weshalb er trotz seines hohen Alters nicht vereinsamte. Da sein Elternhaus an der Vordergasse «Zum gelben Horn» heisst, wurde ihm – etwas schlicht – der Vulgo «Hörnli» verliehen. Mit diesem Verbindungsnamen hatte er in Schaffhausen auch weit über die Scaphusia hinaus Verkehrsgeltung.
Obwohl meine Mama Dauerkundin bei Wehrli-Wösch war, kannte ich ihn zunächst nur von flüchtigen Ladenkontakten. Nach meinem Beitritt zur Scaphusia sah ich ihn 1962 erstmals in unseren Farben Blau-Weiss-Blau. Ich fragte angenehm überrascht, ob er auch in der Scaphusia sei, was ja eigentlich zu sehen war. Er antwortete: «Ja, offensichtlich, und von heute an bin ich für dich der Hörnli.» So bot ein Alter Herr und der Erste aus der Welt der etablierten Erwachsenen einem Fuxen das Du an, was damals alles andere als selbstverständlich war.
Aus dieser Geste wurde eine lebenslange Verbundenheit. Wenn ich autofrei in Schaffhausen war, kamen wir immer mal wieder in seiner Wohnung im «Kronenhof» bei einer Flasche Weissem zusammen und diskutierten die Welt von gestern mit den damaligen Exponenten des Raums Schaffhausen. Trotz seiner Zugehörigkeit zur reiferen Jugend war er geistig hervorragend präsent und erzählte interessante Geschichten über seine Zeitgenossen aus Handel und Politik, die längst die Fähre über den Jordan bestiegen hatten. Und wie immer beim Verfassen von Nekrologen tauchen auch jetzt die vielen hervorragenden Persönlichkeiten aus Scaphusia, FDP und Schaffhauser Wirtschaft vor dem geistigen Auge auf, die für uns als Scaphusianer und Studenten wie auch danach mit Rat und Tat da waren, wenn wir ein Anliegen hatten – heute Verpflichtung, es ihnen gleichzutun.
So verbleiben viele gute Erinnerungen an Eugen Wehrli, Freund Hörnli, und das ist, was zählt. Am 4. Juli wurde ihm in voll besetzter St.-Anna-Kapelle mit dem «Gaudeamus igitur» die letzte Ehre erwiesen. Fiducit!



Autor: Schaffhauser Nachrichten

Kategorie: Notizen zu Namen

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