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Der Gewinner-Text des Scaphusia-Preises 2017: Eine eigene Zeile für die Null

Donnerstag, 15. Juni 2017

Die erst 16-jährige Louise Roos gewann den Kanti-Schreibwettbewerb zum Thema «Missverständnisse» mit einem sehr einfühlsamen Text über den Umgang ihrer Familie mit der altersdementen Grossmutter.

Schaffhauser AZ
Louise Roos

«Und dieses Handy ist für dich. Somit können wir immer in Kontakt stehen und du kannst sogar mal Cindy in der Schule anrufen. Es hat extra grosse Tasten und ist einfach zu handhaben. Wie gefällt es dir?» Sie sitzt da und starrt auf das Natel. Ein Mobiltelefon. Ein Seniorenhandy. Überdimensionierte Tasten, für jede Zahl eine. Vier Zeilen, zwölf Tasten mit zehn Zahlen und zwei weiteren Symbolen. In der zweituntersten Zeile rechts die Neun, unten in der Mitte die Null. Eine eigene Zeile für die Null, ein neuer Abschnitt, eine eigene Epoche, eine neue Welt. Schon wieder.
Ihr Blick schweift zu den Besuchern. Zwei davon hantieren selbst wild mit ihren Geräten. Sie sind ganz in Gedanken versunken, so weit weg. Gross, diese Handys, geradezu monströs und wie viel Platz sie einnehmen. Der Bildschirm, der beim Berühren gewisser Tasten auf leuchtet, irritiert sie. Ich bin es nicht gewohnt, das ist nicht meine Zeit.
«Danke, ich werde davon gewiss Gebrauch machen.» Ihre Mundwinkel ziehen sich hoch. Einer der Besucher löst seinen Blick vom Handy und geht auf sie zu. «Für dich, eine Lektüre. Ich habe es in einem Buchgeschäft gefunden und mir gedacht, dass es dir gefallen könnte. Du liest ja gerne und oft.» Die Besucherin lächelt. Wie hübsch das ihr bekannte Gesicht doch geworden ist, so gutmütig und reif, so erwachsen. Wie war noch mal ihr Name? Sie sucht, durchkämmt ihr Gedächtnis. Eine Nebelwand tut sich vor ihr auf, sobald sie einen Gedanken zu packen versucht. Begann der Name mit einem S? Und weiter ging es mit … Weg, der Name ist einfach verschwunden im Nichts. Sie kämpft, versucht verzweifelt, ihn wieder zu finden. Falten graben sich in ihre Stirn, Schweiss auf ihren Handf lächen. Dann, Erleichterung: Auf dem Einband des Werkes steht «Von deiner Tochter Sonja». Sie seufzt, blickt auf das Cover der ihr gegebenen Lektüre. Sie liest «die Bücherdiebin», ein Buch, das vom Zweiten Weltkrieg handelt. 1939–1945, so weit weg. «Es ist ein Thema, das dich beschäftigt, wie wir alle wissen, und soll dich dazu animieren, mehr von damals zu erzählen.» «Ja, erzähl doch bitte!», rufen mehrere Stimmen aus. Die Telefone werden zur Seite gelegt, man rutscht ein wenig näher. Sechs neugierige Augenpaare richten sich auf sie. Mustern ihr Gesicht eindringlich, ihr ordentlich zurechtfrisiertes Haar, ihre weisse, fast schon durchsichtig schimmernde Haut, ihre blauen Augen, die hinter dicken, runden, Brillengläsern tief in den Augenhöhlen liegen. Schliesslich fixieren sie ihren Mund und warten. Liegen ihre Haare richtig? Sehen sie die vielen kleinen Falten um ihren Mund? Sind die Ringe unter den Augen zu auffällig? Sie weiss es nicht. Ihre Besucher gaffen und fiebern ihren Worten entgegen.
«An einem Mittwoch hat meine Mutter mir ein schneeweisses Kleid mit Rüschen gekauft», sie sieht alles genau vor sich, kann sich sogar noch an das Parfum ihrer Mutter erinnern. Ganz dezent nach Maiglöckchen duftend, niemals aufdringlich.
Schweigen. Verwirrt schauen sich die Besucher an. Verständnislosigkeit. «Und weiter? Wie war das, als die Bomben fielen?» «Was hast du erlebt?» «Wie war das auf der Flucht?» Fragen über Fragen artikulieren kleine und grosse Mäuler. Bedecken sie, drohen sie zu erdrücken. Es sind jedes Mal die gleichen Fragen, immer dieselbe Geschichte fordernd. Aus ihrem Mund dringt kein Ton. Nicht dieses Mal. Nicht schon wieder dieselben Begebenheiten. Sie schweigt.
Schliesslich erstirbt der Fragef luss. Man lauscht auf die alte, laut tickende Wanduhr und betrachtet eingehend und mit ungewöhnlich grossem Interesse die schwarze Stehlampe neben dem grau melierten Sessel, in welchem sie nachmittags zu sitzen pf legt. «Schön hast du es dir hier eingerichtet.» «Das war… Marina.» «Sie heisst Monika», eine berichtigende Stimme. «Ach ja, …, richtig. Monika schaut immer nach dem Rechten. Manchmal dekoriert sie mein Zimmer.» «Wie reizend. Ist der Blumenstrauss von ihr? Maya, kannst du mir verraten, wie viele Rosen in der Vase stehen?» «Hilf mit», bedeutet die Kleine ihr und setzt sich auf ihren Schoss. Warme Kinderbeine auf ihrem Kleid. Rosige Wangen und ein allzu bekannter Kinderduft. Zu lange haben sie sich nicht mehr gesehen.
Mit ausgestrecktem Zeigefinger und sich leise bewegenden Lippen zeigen sie beide auf jede einzelne Blume und zählen. Viele sind es. Sie verzählt sich, versucht es erneut. Auch die Kleine hat ihre Schwierigkeiten. Balsam für die Seele, Verbundenheit, Verständnis.
«Es sind neun!», schreit die Kleine mit einem Mal und reckt stolz das Näschen in die Luft.
Neun. Neun Rosen, hallt es durch ihren Kopf. Neun skrupellos beendete Leben, neun einzelne Epochen, neun Jahrzehnte. Nummer neun, auf ihrem Mobiltelefon in der zweituntersten Spalte rechts zu finden. Beklemmung.
«Cindy, nun ist dein Geschenk an der Reihe.»
Eine Papierrolle wird in ihren Schoss gelegt. Ihre blauen Augen strahlen und schauen unstet auf das von Kinderhand gebastelte Geschenk. Ihre Hände machen sich an der Schleife zu schaffen, nesteln, zittern, versuchen, kämpfen. Resignieren. Es gelingt ihr nicht. «Warte, ich helfe dir. In deinem Alter könnte ich das auch nicht mehr, solch eine enge Schleife lösen.» Freundliche Worte, die mit einem erzürnten Blick von ihr gestraft werden. Unverständnis zeichnet sich auf den Gesichtern der Besucher ab. Doch sie lässt ihn gewähren, den der mit einem Griff die Schleife zu lösen vermag.
Der Blick auf das Geschenk. Tränen der Rührung in ihren Augen. Ein leises Schluchzen, Freude. Erinnerungen werden wach. «Weisst du noch, Cindy, wie wir gemeinsam Mensch ärgere dich nicht gespielt haben?», fragt sie, auf den Lippen ein Lächeln. «Natürlich. Viele Nachmittage sassen wir an deinem Wohnzimmertisch und haben dabei Apfelkuchen gegessen.» Sie sehnt sich danach. «Oder wie wir mit dem Ball gespielt haben», sie schwelgt in der Vergangenheit, geniesst. «Auf dem Bild habe ich dich aber mit deinem Rollator gemalt. Schau.» Cindy deutet auf das Geschenk. «Psst, darüber sollst du doch nicht so reden!», zischt eine Stimme. Cindys Blick zu Boden.
Ihre Finger verkrampfen sich. «Stimmt, das Ballspielen kann ich nicht mehr», sie versucht ein Lächeln. Ein Kloss im Hals. «Das ist auch nicht gravierend, solange du überhaupt noch mit uns nach draussen kommen kannst.» Die Besucher lachen sich gelöst an. Wieso versteht sie niemand?
Schweigen. Eingehende Betrachtung der Stehlampe.
«Wie wäre es, wenn wir nun unsere Nummern in dein Handy programmieren und dir zeigen, wie man damit umgeht?» «Können wir das nicht ein anderes Mal machen? Lasst uns lieber noch etwas reden», wehrt sie ab. «Aber du wolltest doch so dringend mit uns in Kontakt, ‹up to date› bleiben. Dafür ja auch das Handy!» «Ich», sie weiss nicht, wie sie es sagen soll. Das elektronische Monstrum mit den vielen Symbolen als Bindeglied zweier Welten. «Ich möchte gerne mit euch einen Tee trinken und mich unterhalten.» Sie begreifen nicht. Angesäuerte Blicke. Die alte Wanduhr läutet. «Es ist schon fünf Uhr. Die lange Fahrt nach Hause wird uns einiges an Zeit kosten.» «Durch den Abendverkehr sowieso», stimmt ein anderer zu. Man bückt sich und umarmt sie. «Geniesse noch den Abend», «Gönne dir etwas Feines zu essen» und «Lass den Tag gemütlich ausklingen», rät man ihr. Sie klammert sich an den Klang der Stimmen, spürt und riecht jeden einzelnen, sagt adieu.
Die Besucher verlassen das Heim. «Mama, hat sie sich über unseren Besuch überhaupt gefreut? Und über mein Geschenk? Sie hat sich gar nicht bedankt.» «Liebes, das Handy war das wichtige Geschenk. Darüber hat sie sich gefreut.»
Das Fenster ihres Zimmers steht offen. Sie hat alles gehört. Will schreien, will klä-ren, will sich für das Präsent, das sie zu Tränen gerührt hat, bedanken, will berichtigen. Ihr Hals schnürt sich zu, die Worte bleiben stecken. Das Dröhnen eines Motors. Es ist zu spät.
Sie sinkt in ihren Stuhl zurück, starrt auf den Blumenstrauss. Neun Blumen. Daneben ihr neues Handy. Unberührt, unverstanden, eine andere Welt. Die Null ganz unten. Eine eigene Zeile für die Null. Ein Jahrzehnt mehr. Schon wieder.



Die Autorin
Die 16-jährige Louise Roos ist Zweitklässlerin im altsprachlichen Profil der Kantonsschule.
Mit ihrem Text setzte sie sich gegen 15 Mitbewerber durch und gewann den mit 1000 Franken dotierten Scaphusia-Preis.
Der Anerkennungspreis geht auf das Legat eines Alten Herrn der Mittelschulverbindung Scaphusia zurück und zeichnet regelmässig Schülerinnen und Schüler für besondere Leistungen in verschiedenen Disziplinen aus.

Autor: Schaffhauser AZ

Kategorie: Pressespiegel

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